Wir starten ins neue Jahr: mit fragwürdiger Mathematik, einer leichten Erkältung und dem festen Vorsatz, diesmal wirklich einen Short Take zu machen. Spoiler I: Es gelingt uns so mittelgut. Denn obwohl wir uns vorgenommen hatten, lediglich zwei im Jahresrückblick liegengebliebene Arbeiten nachzuholen, kam uns (einmal mehr) die Gesundheitspolitik dazwischen. Spoiler II: Es geht so verrückt weiter, wie es gaga aufgehört hat.
Und gleich noch eine Neuerung: Auf besonderen Hörer:innen-Wunsch werden wir ab sofort regelmäßig in unseren Episoden kleine Glossar-Teile einbauen und spezielle Begriffe erklären, nicht nur aus der Welt der Biostatistik und Biometrik, sondern auch aus Ökonomik et al. In den Episoden sind das in der Regel kleine Versatzstücke. Angereichert sammeln wir sie im
Heute hingekommen sind Direct Primary Care (DPC) / Concierge Medicine, Target Trial Emulation (TTE), QRISK3 und Residual Confounding.
Euch fehlt ein Begriff, diesen oder jenen wolltet ihr schon lange erklärt oder (tiefer) besprochen wissen? Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de
Nun aber in medias res. Die Episode haben wir schon am 29. Dezember aufgezeichnet. Unten eine kleine Zusammenfassung und für alle, die springen mögen, hier die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro
00:02:24 Gassen und Gaß
00:09:13 Nachlieferung: Buch und DUD
00:14:12 Zhu et al., Health Affairs
00:15:18 Glossar: Concierge und DPC
00:20:11 Yan et al., Ann Intern Med
00:20:44 Glossar: TTE
00:23:02 Glossar: QRISK3
00:26:24 Glossar: Residual Confounding
00:28:15 Cliffhanger
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de
Noch ein Lese- und ein Hörtipp
In der letzten Episode hatten wir noch einen weiteren Lektüretipp angekündigt, aber nicht aufgelöst. Das holen wir hier nach: Einer von uns hat sich 2025 mit dem 1984 erschienen Büchlein „Dünnbrettbohrer in Bonn. Aus den Dissertationen unserer Elite“ vergnügt.1 Das ist so herrlich wie aktuell. Es ist nurmehr antiquarisch erhältlich, bspw. über ZVAB oder medimops.
Und weil zwischen Aufzeichnung Jahresrückblick und Aufzeichnung Jahresstart der großartige Chaos Communication Congress (39C3: Power Cycles), dieses Jahr in Hamburg, lag, hat sich noch mindestens ein Hör-und-Gucktipp mehr ergeben:
Marc-Uwe Kling (bekannt von und mit dem kapitalismuskritischen Känguru) hat dort gemeinsam mit Linus Neumann vom CCC den Digital Independence Day (DID) ausgerufen, den es auch in Deutsch als Digitalen Unabhängigkeits-Tag (DUD) gibt.2
Die Folge ist nicht nur deswegen interessant, weil sie mit DI.DAY helfen wollen, dass mehr Leute sich digital unabhängiger machen. Klings Kritik an KI, Big Tech und Silicon Valley (be-)trifft letztlich auch Entwicklungen im Gesundheitswesen.
Wer noch mehr gucken mag, dem sei der Vortrag von Manuel Hofmann über „KI“, Digitalisierung und Longevity als Fix für ein kaputtes Gesundheitssystem? empfohlen.3
Gesundheitspolitik mit dem Geldbeutel
Und dann geht’s ins politische Warm-up der Episode und offensichtlich für 2026. Da waren u. a. die via BILD-Zeitung kolportierten Vorschläge einer Kontaktgebühr von 3–4 Euro pro Arztbesuch, eine Verdopplung der Krankenhauszuzahlung und zusätzliche Gebühren für den Besuch der Notaufnahme ohne vorherige telefonische Abklärung.4
Man könnte noch mehr Quellen anführen, die sogenannten Vorschläge setzen sich ja seither fort. Aber sie sind mehr oder weniger stets analog und folgen gemeinsamen Mustern.
Unsere Einordnung ist deshalb einfach: Das ist Symbolpolitik, die vorgibt, zu steuern, wo strukturelle Probleme ungelöst bleiben. Solche Gebühren treffen erwartungsgemäß vor allem chronisch Kranke und sozial Schwächere, ohne Überversorgung wirksam zu reduzieren oder Effizienz zu bringen. Ambulant erhöhen sie Zugangshürden, stationär kaschieren sie Fehlanreize wie fallzahlgetriebene Vergütungssysteme.
Das Schlimme daran: Jene, die solche Vorschläge äußern, wissen um die Risiken (von Gesundheitspolitik auf den Rücken der Ärmsten), die damit einhergehen, und nehmen sie mindestens in Kauf. Gleichzeitig betreiben sie das allseits bekannte Spiel, von den eigenen Interessen abzulenken und die eigene Klientel zu schützen.
Mit anderen Worten: Wem es an Kreativität fehlt, der greift zum Geldbeutel (anderer).
Concierge & Direct Primary Care in den USA
Die erste Arbeit, die wir besprechen, ist explizit eine politisch-systemische: Zhu und Kolleg:innen haben die rasante Zunahme von Concierge- und Direct-Primary-Care-Modellen in den USA zwischen 2018 und 2023 analysiert.5
Diese Modelle agieren außerhalb der klassischen Versicherungslogik. Patient:innen zahlen eine monatliche Pauschale (Abo-Modell) und erhalten mehr Zeit, besseren Zugang und kleinere Betreuungskollektive, allerdings nicht solidarisch finanziert.
Die Autoren haben gefunden:
einen deutlichen Zuwachs an Praxen in diesen Modellen in den USA,
unabhängige Einzelpraxen nehmen relativ und nominell deutlich ab,
Corporate Affiliations (kettenartige, kommerzielle Trägerschaften) nehmen massiv zu (Zuwachs >500 %).
Das ist keine Lösung für die Probleme der Primärversorgung, weder in den USA noch bei uns, es ist eine Ausweichbewegung. Attraktiv für Einzelne, problematisch für das System. Mit solchen Modellen droht eine weitere Entsolidarisierung, etikettiert als Effizienz und Innovation.
Unser Fazit: Versorgung ist immer auch Kultur. Und eine Drive-thru-Medizin mit Abos, Ketten und Standardisierung lässt sich nicht einfach auf ein solidarisches Gesundheitssystem übertragen, selbst wenn sie auf den ersten Blick modern wirkt.
Die Logik der Versorgungskommerzialisierung
Erhellend dazu ist auch der Aufsatz von Ambar La Forgia, Berkeley: „From Patients to Consumers“, frisch erschienen im New England Journal.6 Den besprechen wir in der Episode nicht näher, hier aber eine kleine Einordnung dazu.
Sie beschreibt, wie zentrale Prinzipien des Einzelhandels (Bequemlichkeit, Kundenorientierung, Effizienz) immer stärker zu Prinzipien der ambulanten Medizin werden. Patient:innen werden als Konsument:innen adressiert, medizinische Leistungen als Produkte, die nach Kriterien wie Zugänglichkeit, Geschwindigkeit und Erlebnisqualität bewertet werden. La Forgia unterscheidet zwei Retail-Modelle:
ein niedrigschwelliges, standardisiertes „Chipotle-Modell“ mit schnellen, günstigen Leistungen (bspw. in Retail Clinics oder Urgent Care),
und ein exklusives, hochpreisiges „Equinox-Modell“ wie bei Concierge- oder Membership-basierten Praxen, mit mehr Zeit, direktem Zugang und persönlicher Betreuung.
Beide Modelle folgten zwar unterschiedlichen Preissignalen, teilten aber dieselbe Logik: Versorgung wird marktförmig organisiert. Das könnte punktuell Vorteile bringen (bessere Patientenerfahrung, geringere Belastung von Notaufnahmen), berge vor allem aber erhebliche Risiken:
Zunahme neuer, zusätzlicher Inanspruchnahme statt echter Substitution,
Verstärkung sozialer Ungleichheiten,
Abwanderung ärztlicher Ressourcen aus der Regelversorgung,
Gefahr zunehmender Beeinflussung klinischer Entscheidungen durch „Kundenerwartungen“ und „Zufriedenheitsmetriken“.
– Stellt am besten schon mal einen Smiley Touch in der Praxis auf (Achtung, KI-Bild):
Statine bei Typ-2-Diabetes – eine TTE
Die zweite Arbeit ist methodisch anspruchsvoll, eine große Analyse aus der britischen Primärversorgung.7 Vielen wird sie bereits aus dem Evidenz-Quickie bekannt sein:
Diese Target Trial Emulation (TTE) untersucht den Effekt des Beginns einer Statintherapie zur Primärprävention bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und ohne bestehende kardiovaskuläre Ereignisse. Die Population wird nach dem britischen 10-Jahres-kardiovaskulären Risiko (QRISK3) stratifiziert. In der Arbeit war der Statinbeginn über alle Risikogruppen hinweg mit geringerer Gesamtmortalität und weniger schweren kardiovaskulären Ereignissen assoziiert. Auch im Niedrigrisikobereich zeigen sich Effekte, die aber absolut sehr klein sind.
Der Vorzug einer TTE: Man gelangt an eine sehr große Stichprobe mit recht langer Nachbeobachtungszeit und kann eine anspruchsvolle Emulation eines RCT-Designs vorlegen. Aber: Eine Beobachtungsstudie bleibt Beobachtungsstudie, und die hat immer das Restrisiko für Confounding, insbesondere durch nicht erfasste Lebensstilfaktoren.
Diese Arbeit stützt eine risikobasierte, individuelle Statinentscheidung – sie rechtfertigt aber keinen Automatismus. Risiken berechnen, Knopf drücken, Statin ausgeben: So funktioniert es eben nicht. Entscheidend bleiben absolute Risiken, Langzeitperspektive und Präferenzen der Patient:innen.
Oder kurz: Die Studie liefert Argumente für Shared Decision Making, nicht dagegen.
Exkurs: Daten, Daten, Daten
Uns fällt zudem auf, wie selbstverständlich internationale Forschergruppen auf UK-Primärversorgungsdaten zugreifen. Das ist ein stilles Plädoyer dafür, auch hierzulande systematisch nutzbare Versorgungsdaten aufzubauen. Dieser Weg ist zwar mit den Forschungspraxisnetzwerken begonnen, aber es ist noch einiges zu tun.
Literatur
Schwarze A. Dünnbrettbohrer in Bonn. Aus den Dissertationen unserer Elite. 1984.
Kling M-U, Neumann L. Die Känguru-Rebellion: Digital Independence Day. 2025. https://media.ccc.de/v/39c3-die-kanguru-rebellion-digital-independence-day (accessed 28 Dec 2025).
Hofmann M. „KI“, Digitalisierung und Longevity als Fix für ein kaputtes Gesundheitssystem? 2025. https://media.ccc.de/v/39c3-ki-digitalisierung-und-longevity-als-fix-fur-ein-kaputtes-gesundheitssystem (accessed 28 Dec 2025).
Kassenärzte schlagen Eigenbeteiligung beim Arztbesuch vor. DIE ZEIT. 2025. https://www.zeit.de/gesundheit/2025-12/gebuehr-arztbesuch-kassenaerzte-drei-euro-krankenhausgesellschaft (accessed 29 Dec 2025).
Zhu JM, Marsh T, Polsky D, et al. Growth In Number Of Practices And Clinicians Participating In Concierge And Direct Primary Care, 2018–23. Heal Aff 2025;44(12):1473–81. doi: https://doi.org/10.1377/hlthaff.2025.00656
Forgia AL. From Patients to Consumers — The Corporatization of Ambulatory Care. N Engl J Med2026;394(1):1–3. doi: https://doi.org/10.1056/nejmp2415483
Yan VKC, Blais JE, Gamble J-M, et al. Effectiveness and Safety of Statins in Type 2 Diabetes According to Baseline Cardiovascular Risk. Ann Intern Med Published Online First: 29 December 2025. doi: https://doi.org/10.7326/annals-25-00662
















