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Popanz Interessenkonflikte? Ein Streit über Moralin, Methoden – und Folien
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Popanz Interessenkonflikte? Ein Streit über Moralin, Methoden – und Folien

Ein React-Gespräch auf unsere IK-Episode

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Windeler J, Scherer M. Popanz Interessenkonflikte? Ein Streit über Moralin, Methoden – und Folien. EvidenzUpdate 2026;7:171. doi: 10.69156/POD.001/2026.02.00171

Guten Abend! Für heute haben wir uns ein moralisches Minenfeld herausgesucht, das wir aus freien Stücken betreten: Interessenkonflikte in der Medizin, einmal wieder (manche erinnern sich vielleicht noch an die Episode Bias by Design). Dieses Mal denken wir über den Sinn von Interessenerklärungen nach, vielleicht auch über ihren Unsinn.

Wir fragen auch (Spoiler!), ob in der Überhöhung des Themas nicht ein Risiko liegt: dass wir nämlich nur noch darauf schauen, wer etwas sagt, statt drauf, was sie sagt. Dann würden IK-Erklärungen zu einem argumentum ad hominem. Was folgt danach? Welche Glaubensbekenntnisse müssen wir künftig abgeben? Nächste Frage: Begraben wir mit dem IK-Fokus nicht die guten Methoden der evidenzbasierten Medizin?

Zu dem Gespräch geführt hat uns Jürgen Windeler, bis 2023 Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Ihn hatten wir im Sommer 2024 – damals live aus Würzburg – schon einmal zu Gast im Podcast.1

Jetzt aber war ihm unsere „Bias-by-Design“-Episode2 aufgestoßen. In dieser Episode wollen wir seine Gedanken hören. Nächster Spoiler: Es wird ein wenig gestritten. Und noch ein Spoiler: Es wird noch eine zweite Episode mit Jürgen Windeler geben! (Aufgezeichnet haben wir übrigens am 9. Februar.)

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:

Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de

Hier, für alle, die auch über Interessenkonflikte springen, die Kapitelmarken:

  • 00:00:00 Intro

  • 00:04:45 Unser Thema

  • 00:06:18 Windelers Kritik

  • 00:10:08 Scherers Steilvorlage

  • 00:14:20 IK-Folien

  • 00:25:12 Methoden statt Folien

  • 00:33:13 Gute wissenschaftliche Praxis

  • 00:38:06 Glaube et al.

  • 00:42:12 Ein Versuch

Unser Gespräch in Kürze

Personen bewerten oder Argumente prüfen?

Die zentrale Frage: Schauen wir auf die Person oder auf das Argument?

Jürgen Windeler sieht in der Fixierung auf Interessenkonflikte eine Art Ersatzhandlung: Statt uns mit Studiendesign, Endpunkten, Verzerrungen und Vergleichstherapien auseinanderzusetzen, greifen wir zur moralischen Abkürzung: „Pharma drin = nicht vertrauenswürdig.“ Das ist bequem, aber gefährlich.

Das knüpft indirekt an unsere frühere Diskussion zur Frage an, wie sich EbM überhaupt Gehör verschafft: Wenn evidenzbasierte Argumente in Politik und Ärzteschaft nicht über methodische Qualität, sondern über vermutete Motive wahrgenommen werden, verlieren wir den Kern der EbM: nämlich die systematische Prüfung von Aussagen und Daten.

Methoden statt Moral

Eine These: Objektivität entsteht nicht durch moralische Reinheit, sondern durch gute Verfahren.

Das IQWiG-Methodenpapier zum Beispiel (aktuell in der Version 8.0)3 steht für Jürgen Windeler exemplarisch für diesen Ansatz: Transparente Prozesse, vorab definierte Fragestellungen, saubere Endpunktwahl, systematische Bewertung von Bias. All das sind Versuche, menschliche Subjektivität zu zähmen.

Windelers Zuspitzung: Es ist letztlich irrelevant, wer eine Studie finanziert hat, wenn wir methodisch sauber zeigen können, dass Vergleichstherapien unterdosiert sind oder Endpunkte verzerrt gewählt wurden. Der Blick auf Interessenkonflikte ersetzt diese Arbeit nicht und darf sie nicht verdrängen.

IK-Folien sind kein Erkenntnisinstrument

Und dennoch sind Interessenkonflikte deswegen nicht egal.

Interessenkonflikte sind real und mehr als nur Geldflüsse. Die Arbeit von Grundy et al. zeigt, wie breit das Spektrum nicht-finanzieller Interessenkonflikte ist: fachliche Überzeugungen, akademische Karrieren, weltanschauliche Haltungen.4

Das macht klar: Wenn wir anfangen, „Kontext“ ernst zu nehmen, dann reicht der Blick auf den Pharma-Dollar nicht aus. Unsere menschliche Subjektivität ist durch viel mehr als nur Mammon geprägt.

Hier liegt ein Kernproblem, das die geübten IK-Folien mit sich bringen: Sie suggerieren eine trügerische Vollständigkeit. Als ob wir nach 10 Sekunden Offenlegung wüssten, wo Verzerrungen oder Risiken dafür liegen. In Wahrheit bleibt der größte Teil menschlicher Voreingenommenheit unsichtbar und methodisch nur indirekt adressierbar.

Was sagt die Empirie zur Offenlegung?

Zunächst kontraintuitiv erscheint die Evidenz dazu, was IK-Angaben (bzw. CoI-, Conflict-of-Interest-Folien) tatsächlich bewirken:

  • Die NEJM-Studie von Kesselheim et al. zeigt, dass Ärzt:innen industriegesponserte Studien kritischer wahrnehmen, selbst wenn die methodische Qualität gleich ist.5 Das kann man als Schutzmechanismus lesen. Oder als kognitiven Kurzschluss, der gute Daten vorschnell abwertet.

  • Die BMJ-Studie von John et al. deutet hingegen darauf hin, dass die Offenlegung von Interessenkonflikten im Peer-Review die Qualitätsbewertung von Manuskripten kaum verändert.6

Mit anderen Worten: IK-Offenlegung beruhigt moralisch, verbessert aber nicht automatisch die wissenschaftliche Urteilskraft. Sie ist kein Ersatz für kritisches Lesen oder die Methoden der EbM. Im Gegenteil.

Die Gefahr moralischer Überhöhung

Um es nicht falsch zu verstehen: Ja, es ist wichtig, strukturelle Einflussnahmen sichtbar zu machen. Aber wir dürfen dabei nicht in eine moralische Überhöhung kippen, die suggeriert, man könne sich durch „die richtigen“ Haltungen aus der methodischen Auseinandersetzung freikaufen.

Hier schließt sich der Kreis zur älteren Kritik an symbolischer Gesundheitspolitik: Abholz und Schwarz haben schon vor über 20 Jahren beschrieben, wie symbolhafte Maßnahmen (damals am Beispiel der Früherkennung) gut gemeint sein können, aber realen Schaden anrichten.7 Auch die ritualisierte IK-Offenlegung kann zu einem solchen symbolhaften Handeln werden: gut gemeint, aber in ihrer Wirkung begrenzt und potenziell gefährlich, weil ablenkend vom Wesentlichen.

Fazit: Kontext ja – Abkürzungen nein

Ja, Kontext kann bei der Einordnung helfen, gerade im Fortbildungsalltag, wo nicht jede:r jede Studie bis ins Detail prüfen kann. Aber: Kontext ersetzt keine Methodenkritik.

Wenn wir anfangen, Positionen primär über vermutete Motive zu bewerten, statt über Argumente, gefährden wir den Kern der evidenzbasierten Medizin und auch den wissenschaftlichen Diskurs.

Oder zugespitzt: Interessenkonflikte offenzulegen, ist kein Qualitätsmerkmal. Gute Methoden schon. Der Auftrag bleibt mühsam, aber klar: weniger Moralkeule, mehr Methodenkoffer. Und immer wieder: Sapere aude!

Adieu!

Literatur

1

Nößler D, Windeler J, Scherer M. Wie sich EbM mehr Gehör in Politik und Ärzteschaft verschaffen kann. EvidenzUpdate2024;5(127). doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2024.09.00127

2

Nößler D, Klemperer D, Lempert T, et al. Bias by Design: Wie Interessenkonflikte die Medizin formen. EvidenzUpdate 2025;6(161). doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2025.12.00161

3

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Allgemeine Methoden, Version 8.0. Published Online First: 19 December 2025. doi: https://doi.org/10.60584/allgemeine-methoden_v8.0

4

Grundy Q, Mayes C, Holloway K, et al. Conflict of interest as ethical shorthand: understanding the range and nature of “non-financial conflict of interest” in biomedicine. J Clin Epidemiology 2020;120:1–7. doi: https://doi.org/10.1016/j.jclinepi.2019.12.014

5

Kesselheim AS, Robertson CT, Myers JA, et al. A Randomized Study of How Physicians Interpret Research Funding Disclosures. N Engl J Med 2012;367(12):1119–27. doi: https://doi.org/10.1056/nejmsa1202397

6

John LK, Loewenstein G, Marder A, et al. Effect of revealing authors’ conflicts of interests in peer review: randomized controlled trial. BMJ 2019;367:l5896. doi: https://doi.org/10.1136/bmj.l5896

7

Abholz H-H, Schwarz M. Früherkennung in Deutschland: Symbolhaftes Handeln mit schädlichen Folgen für die Gesundheit. Arbeit und Sozialpolitik 2002;56(9/10):18–22. https://kxp.k10plus.de/DB=2.1/PPNSET?PPN=545165075

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