Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. Risiko oder egal? Die „J-Kurve“ beim Blutdruck. EvidenzUpdate 2026;7:170. doi: 10.69156/POD.001/2026.02.00170
Moin, zusammen! Heute wollen wir etwas druckvoller ins Wochenende gehen. In unserem Short-Take (das ist alles unter 45 Minuten 🤓) nehmen wir uns eine XXL-Metaanalyse vor. Darin stecken die Daten von 5,87 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes aus 89 Kohorten.
Die Frage: Welche Blutdruckwerte korrelieren mit welchen Risiken welcher klinischer Ereignisse? Eine Antwort, vulgo Spoiler: Keine neuen magischen Zielwerte, aber ein wenig wird die J-Kurve entzaubert. (Aufgezeichnet haben wir diese Episode am 4. Februar 2026.)
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de
Und für alle Sprungbegabten hier die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro
00:02:52 Das vorweggenommene Fazit
00:07:17 Die Studie
00:12:34 Die Ergebnisse
00:14:13 J-Kurven
00:17:24 Reverse Kausalität
00:20:37 Gesamtmortalität
00:22:39 Bälle flach halten!
00:23:30 Klinische Implikationen
00:28:53 Limitationen
00:32:43 Fazit
00:34:26 Cliffhanger
In a nutshell
Um diese Arbeit von Wang et al., erschienen im Journal of the American College of Cardiology (JACC), geht es:1
Und es gibt ein begleitendes Editorial dazu,2 über das wir auch sprechen.
PICO bzw. PECO der Wang-Studie
(P)opulation: Erwachsene mit Typ‑2‑Diabetes mellitus aus 89 Kohorten mit Daten von insgesamt 5.875.364 Personen, mittleres Alter etwa 60 Jahre, Follow‑up im Mittel gut 6 Jahre.
Darunter ist auch (als einzige deutsche Studie) die AOK-Plus-Kassendaten-Kohorte mit knapp 230.000 Menschen mit T2DM.3
(I)ntervention/(E)xposition: Unterschiedliche systolische und diastolische Praxis‑Blutdruckniveaus, analysiert in einer 1‑stufigen, gemischten Dosis‑Wirkungs‑Metaanalyse (kontinuierliche Verläufe, keine festen Cut‑offs).
(C)omparison: Andere Blutdruckbereiche, Referenz in der Kurvenanalyse meist 120 mmHg systolisch bzw. 80 mmHg diastolisch.
(O)utcomes primär:
Gesamtmortalität
Kardiovaskuläre Ereignisse (MACE‑ähnliche Komposita)
Renale Ereignisse (Albuminurie‑Progression, eGFR‑Abfall, ESRD, renaler Tod)
Einige Resultate
Für die Kombination von SBP und Gesamtmortalität zeigt sich auf den ersten Blick eine J‑Kurve, mit einem statistischen Sweet Spot in der Gegend um 135/71 mmHg; es gibt aber keinen belastbaren Hinweis, dass niedrigere Werte kausal schaden.
Für kardiovaskuläre Ereignisse findet sich ein J‑förmiger Verlauf mit abgeflachtem Risiko am unteren Ende; nach Ausschluss von Menschen mit manifester KHK oder Krebs wird daraus ein eher monotones „je niedriger, desto besser“ ohne klares Low‑BP‑Schadenssignal.
Für renale Endpunkte ist der Zusammenhang praktisch durchgehend linear/monoton: Je niedriger der Blutdruck, desto weniger Albuminurie‑Progression, eGFR‑Abfall und renale Ereignisse.
Wang et al. interpretieren hinter der verbliebenen „J‑Optik“ bei niedrigen Werten primär eine reverse Kausalität und Residualkonfounding: Nicht der niedrige Blutdruck macht krank, sondern kranke und gebrechliche Menschen dürften niedrigere Blutdruckwerte und somit mehr Ereignisse haben.
J‑Kurve und reverse Kausalität
Die Arbeit dient recht gut für eine Art „Reality‑Check“ für die alte Lehre „Bei Diabetes kann der Blutdruck gar nicht niedrig genug sein“. Gleichzeitig relativiert sie etwas die klassische, seit Cruickshank4 bekannte J‑Kurve.
Zwei Dinge als Erinnerung vorweg:
In der J‑Kurve als Risiko-Darstellung sinkt zunächst das Risiko mit sinkendem Blutdruck, steigt bei sehr niedrigen Werten aber wieder an.
Reverse Kausalität: Daraus könnte man ableiten, dass niedriger Blutdruck per se schadet, in nicht wenigen Fällen aber können schlicht schwere Grunderkrankungen (Herzinsuffizienz, Krebserkrankungen, Gebrechlichkeit) die Ursache des niedrigen Blutdrucks und damit des höheren Risikos sein. Der Blutdruck ist dann quasi ein Proxy, ein Stellvertreter, mithin ein Red Flag.
Ergo: Das „kleine Häkchen links im J“ ist vermutlich vor allem ein Populationsartefakt, ein Sammelbecken für multimorbide, fragile Patient:innen. Sobald man diese Gruppen aus den Analysen entfernt, was Wang et al. getan haben, wird das Häkchen in der J‑Kurve blasser oder verschwindet sogar.
Damit schubst die Arbeit Cruickshank zwar nicht vom Sockel, sie nimmt dem J aber den Nimbus eines Naturgesetzes und rückt es in Richtung „situationsabhängiges Phänomen bei sehr kranken Gruppen“.
Einordnung zu anderen Daten
Das Editorial von Verdecchia et al. findet die Arbeit klinisch relevant, aber „not straightforward“. Es landet beim Konzept des „lowest well‑tolerated blood pressure“.
Anders formuliert:
RCT-Daten wie ESPRIT, BPROAD, ACCORD zeigen: Eine intensivere Senkung (Richtung 120 mmHg syst.) senkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, vor allem Schlaganfall, bezahlt mit mehr Nebenwirkungen (Synkopen, Niereneffekte). Besprochen haben wir das hier:5
Die Metaanalyse zeigt: kein stabiler kausaler Schaden durch niedrige BP‑Werte bei Typ‑2‑Diabetes, eher lineare/monotone Zusammenhänge, vor allem für die Nieren und einige kardiovaskuläre Endpunkte.
Das Editorial liest daraus: Niedrige Ziele sind bei guter Verträglichkeit nicht per se „zu niedrig“; das liefert aber keinen neuen fixen Zielwert, sondern eher eine Legitimation des breiten Entscheidungskorridors, so wie es die einschlägige Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes formuliert.6
RCTs beantworten, was eine intendierte Senkung bewirkt, die Metaanalyse zeigt, wie das Risiko über das Spektrum realer Blutdruckwerte verteilt ist. Beides zusammen spricht eher für individualisierte Ziele als für noch schärfere Zahlen‑Dogmen.
Practice Pointer
Wir nehmen daraus diese Take‑Home‑Botschaften mit:
Keine neuen Zielwerte: 135/71 mmHg ist ein statistischer Schwerpunkt, kein neues Leitlinien‑Target zum Aufschreiben auf den Spickzettel.
Niedrige Werte sind nicht automatisch gefährlich: Sie sind häufig Marker für hohe Krankheitslast und sollten den diagnostischen Blick schärfen, nicht reflexartig dazu führen, Therapie pauschal nach oben zu schrauben.
Niemand sollte „bis kurz vor die Synkope“ therapiert werden: „Gut tolerierter niedriger Blutdruck“ ist eher eine Post‑hoc‑Beschreibung („das hält sie gut aus“) als ein prospektives Therapieziel.
Flache Kurve = flache Bälle: In dem Bereich, in dem die Kurve flach verläuft, haben wir Spielraum für klinisches Urteil, Symptome, Komorbiditäten und Shared Decision Making, statt Zentimeterfeilschen um 130 vs. 135 mmHg.
J‑Kurve beschreibt Realität, keine Kausalität: Das „Häkchen“ steht für multimorbide Patienten mit höherem Risiko, nicht für einen intrinsisch gefährlichen niedrigen Blutdruck; das J ist Abbild des Versorgungsalltags, aber kein naturgesetzlicher Gegner der Senkung.
Und ein Meta‑Practice‑Pointer: Solche „gigantischen, aber klinisch scheinbar belanglosen“ Arbeiten sind hilfreich, weil sie uns daran erinnern, wie viel wir nicht genau wissen. Und weil sie helfen, falsche Schlussfolgerungen zu vermeiden, statt sofort neue Zielwerte zu produzieren.
Schönes Wochenende! Ahoi!
Literatur
Wang S, Wang K, Gu H, et al. Blood Pressure Levels and Outcomes in Type 2 Diabetes Dose-Response Meta-Analysis of 5.87 Million Cohort Participants. JACC Published Online First: 2026. doi: https://doi.org/10.1016/j.jacc.2025.10.068
Verdecchia P, Angeli F, Reboldi G. The Relation Between Blood Pressure and Outcomes in Diabetes With or Without the J Curve? JACC Published Online First: 2026. doi: https://doi.org/10.1016/j.jacc.2025.12.010
Wilke T, Mueller S, Groth A, et al. Treatment-dependent and treatment-independent risk factors associated with the risk of diabetes-related events: a retrospective analysis based on 229,042 patients with type 2 diabetes mellitus. Cardiovasc Diabetol 2015;14(1):14. doi: https://doi.org/10.1186/s12933-015-0179-2
Cruickshank JohnM, Thorp JeffreyM, Zacharias FJ. BENEFITS AND POTENTIAL HARM OF LOWERING HIGH BLOOD PRESSURE. Lancet 1987;329(8533):581–4. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(87)90231-5
Nößler D, Scherer M. Intensive Blutdrucksenkung – lohnt sie sich vielleicht doch? EvidenzUpdate-Podcast 2025;6:145. doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2025.08.00145
Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Langfassung, Version 3.0. 2023. https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-001l_S3_Typ-2-Diabetes_2024-12.pdf















