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Schöner leben in der Mitte, auch bei der eGFR – und droht die „Prä-CKD“?
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Schöner leben in der Mitte, auch bei der eGFR – und droht die „Prä-CKD“?

Neue Daten aus der SCREAM-Nieren-Population

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. Schöner leben in der Mitte, auch bei der eGFR – und droht die „Prä-CKD“?. EvidenzUpdate 2026;7:169. doi: 10.69156/POD.001/2026.02.00169

Hej aus den Glomeruli! Wie versprochen geht’s uns heute an die Nieren. Das wird auch nicht sooo lang, ebenfalls versprochen. Wir nennen es jedenfalls Short-Take. Herausgepickt haben wir eine Studie, die nicht nur nephrologisch, sondern fast schon politisch daherkommt: Sie zeigt (oh, Wunder), dass es sich an allen Rändern gefährlich und in der Mitte mithin am besten lebt. Wieder eine schöne U-Kurve.

Klinisch interessant: Selbst eine normale (geschätzte) glomeruläre Filtrationsrate geht mit höheren Risiken einher, sofern sie unterhalb des 25. Alters-/Geschlechts-Perzentils liegt. Die Beobachtungsstudie (Cave!) liefert somit interessante Hinweise, wie eine Risikostratifizierung für die Niere nach Alter und Geschlecht theoretisch etwas feiner möglich wäre. (Aufgezeichnet haben wir am 23. Januar 2026.)

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:

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Und für alle Sprungbegabten hier die Kapitelmarken:

  • 00:00:00 Intro

  • 00:00:58 Der Schneemannbaupodcast des Gesundheitswesens

  • 00:01:32 Auf die Länge kommt es doch an

  • 00:03:24 Die heutige Arbeit

  • 00:04:09 Die Methode

  • 00:04:55 eGFR-Formeln

  • 00:07:19 Die Population

  • 00:09:31 Eine Stärke

  • 00:10:19 Ergebnisse

  • 00:13:13 Eine Interpretation

  • 00:15:45 Ein neues Prognosetool?

  • 00:17:45 Limitationen

  • 00:20:40 Kommt die Prä-CKD?

  • 00:25:25 Fazit

In a nutshell

Wir reden über die Arbeit, die jüngst in Kidney International veröffentlicht wurde:1

Dahinter steckt die vor gut 20 Jahren gestartete SCREAM-Studie (Stockholm CREAtinine Measurements Project, NCT06239129). In dieser Kohorte „stecken“ quasi die (Nieren-)Daten aller Erwachsenen in Stockholm.2 Wir sind (einmal mehr) neidisch auf die Nordeuropäer und betrübt, dass solche Forschung in dieser Größenordnung hierzulande nur leidlich bis gar nicht gelingt.

Für die populationsbasierte Registeranalyse hat die Forschungsgruppe

  • Daten von knapp 1.179.501 Millionen Erwachsenen im Alter von 40–100 Jahren (das sind 80 % der Einwohner!) erhoben, darunter

  • sämtliche verfügbaren Serumkreatinin-Werte der Jahre 2006–2021 mit

  • insgesamt 6.914.993 eGFR-Bestimmungen,

  • die sie nach Alter und Geschlecht verteilt und eGFR-Perzentile (statt alleiniger KDIGO-Einteilung) ermittelt

  • und als Endpunkte die Risiken für Nierenersatztherapie (kidney failure with replacement therapy, KFRT) und Mortalität errechnet haben

  • während eines Follow-ups von im Mittel 10 Jahren (IQR: 5–14).

Ein paar Baseline-Charakteristika, also zu Kohorten-Eintritt (Median oder %):

  • Alter: 54 Jahre (IQR: 44–65)

  • eGFR: 92 ml/min/1,73 m² (IQR: 80–102), mit dem Alter freilich abfallend

  • Frauen: 53 %, Anteil mit dem Alter deutlich zunehmend

  • Komorbidität: 28 % hatten einen Diabetes, Bluthochdruck oder eine kardiovaskuläre Erkrankung

Formeln und U-Kurven

Kurzer Refresher zum eGFR-Formel-ABC: Cockcroft-Gault ist historisch und stark gewichts- bzw. muskelmassenabhängig, MDRD unterschätzt bei höheren Filtrationsraten, während CKD-EPI (inzwischen in einer „race-freien“ 2021er-Version) heute klinischer Standard ist.34

In der Arbeit wurde mit der 2009er-CKD-EPI gerechnet, ergänzt um die 2021er-Variante sowie EKFC und Lund-Malmö. Das macht die Ergebnisse besser interpretierbar und bestätigt, wie sehr die Formel-Wahl die eGFR „beeinflusst“.

Spannend ist die U-förmige Beziehung zur Mortalität: Sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe eGFR-Perzentile sind mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert. An den Rändern lebt es sich epidemiologisch ungemütlich.

Und: „Superniere“ kann auch einfach „wenig Muskelmasse“ heißen.

Was wir klinisch mitnehmen

Die Autoren führen den Begriff „low within normal“ ein für eGFR ≥ 60 ml/min/1,73 m², aber unterhalb des 25. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentils.

Diese Gruppe hatte in dieser Kohorte ebenfalls erhöhte Risiken für Nierenersatztherapie und Tod. Insgesamt sind die absoluten Risiken aber niedrig.

Wir haben die absoluten 10-Jahres-Risiken für beide Endpunkte aufgetragen („kippte“ man die Charts um 90° nach links, sähe man das „U“):

Für die Praxis würde das bedeuten: Ein niedriges eGFR-Perzentil ist kein Krankheitslabel, sondern ein Anlass, genauer hinzuschauen, den Verlauf zu prüfen, die Albuminurie (wenn noch nicht erfolgt) zu bestimmen und Komorbiditäten und Medikation durchzugehen, inklusive Brown-Bag-Review.

Nach wie vor aber bleibt Kreatinin ein unscharfer Marker, weil es eben nicht nur Niere, sondern auch Muskelmasse und Allgemeinzustand misst. Albuminurie war in der Studie nur bei einem Teil erfasst, vor allem Hochrisikopatienten.

Vorsicht vor Prä-CKD

Das von den Autoren eingeführte „low within normal“ schmeckt nach der Versuchung, eine Art Prä-CKD einzuführen, analog zum sog. Prädiabetes. Das sehen wir als reales Risiko für Disease-Mongering.

Zwar eignen sich die Daten gut als Denkmodell für eine mögliche Risikostratifikation, aber ganz sicher nicht als Grundlage für neue Krankheitsstadien oder Indikationserweiterungen etwa für SGLT2-Inhibitoren.

Bislang gibt es keinen Beleg, dass das gezielte Identifizieren dieser „low within normal“-Gruppen patientenrelevante Endpunkte verbessern könnte. Das müsste erst in prospektiven Studien untersucht werden.

Practice Pointer und ein Tool

Die Arbeitsgruppe stellt ein frei zugängliches Online-Tool zur Verfügung,5 mit dem wir für Alter, Geschlecht, eGFR und gewählte Formel das entsprechende Perzentil in der (Studien-)Bevölkerung anschauen können. Das sieht aus wie ein „Stockholm-arriba für die Niere“ und nach einer hübschen Idee, aus diesem Konzept mehr zu machen. Das steht aber noch aus. Spielen ist dennoch erlaubt.

Ergo: Weg von starren Schwellenwerten, hin zur relativen Einordnung im Kontext von Alter, Geschlecht und Gesamtmorbidität – nutzen ja, labeln nein.

Cliffhanger gefällig? Wir bleiben ein wenig in der Niere.

Vi hörs, hej då!

Literatur

1

Yang Y, Creon A, Levey AS, et al. Population-based estimated Glomerular Filtration Rate distributions and associated health outcomes provide opportunities for early identification of and primary prevention of chronic kidney disease. Kidney Int Published Online First: 2026. doi: https://doi.org/10.1016/j.kint.2025.11.009

2

Carrero JJ, Elinder CG. The Stockholm CREAtinine Measurements (SCREAM) project: Fostering improvements in chronic kidney disease care. J Intern Med 2022;291(3):254–68. doi: https://doi.org/10.1111/joim.13418

3

Yan AF, Williams MY, Shi Z, et al. Bias and Accuracy of Glomerular Filtration Rate Estimating Equations in the US. JAMA Netw Open 2024;7(3):e241127. doi: https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.1127

4

Ma Y, Shen X, Yong Z, et al. Comparison of glomerular filtration rate estimating equations in older adults: A systematic review and meta-analysis. Arch Gerontol Geriatr 2023;114:105107. doi: https://doi.org/10.1016/j.archger.2023.105107

5

eGFR Percentile Explorer. https://scream.meb.ki.se/egfr-percentiles/ (accessed 23 Jan 2026).

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