Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Windeler J, Scherer M. Hauptsache Gesundheit: Wie Healthism zum Markt und zur Moral wird. EvidenzUpdate 2026;7:173. doi: 10.69156/POD.001/2026.02.00173
Eigentlich wollten wir nur über Interessenkonflikte in der Medizin reden. (Haben wir auch.) Aber dann kamen wir auf die Frage, was in unserer Gesellschaft derzeit die wichtigsten Werte sind. Ist es Frieden? Oder Freiheit? Demokratie? Alles wäre höchst erstrebenswert, angesichts nicht nur der jüngsten Entwicklungen. Oder ist es in unserer saturierten „westlichen“ Welt vielleicht Wohlstand? Wahlweise Freude und Eierkuchen?
Nein: Gesundheit scheint im Moment für viele das Maß der Dinge zu sein, jedenfalls wenn man nicht gerade in einem von Krieg oder Armut heimgesuchten Land lebt. Über Gesundheit geht im sog. Westen im Moment nur wenig. Aber wieso?
Darüber reden wir und denken wir nach in Teil 2 eines längeren Gesprächs mit Jürgen Windeler, dem ehemaligen Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Spoiler: Es wird ein wilder Ritt. (Diese Episode haben wir zusammen mit Teil 1 aufgezeichnet am 9. Februar.)
Zuerst gibt es einen ganz persönlichen Hörtipp von Jürgen Windeler: die Motette „Es ist nun aus mit meinem Leben“ von Johann Christoph Bach (1642–1703), aufgeführt von den English Baroque Soloists unter der Leitung von John Eliot Gardiner.
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de
Und zum Springen geeignet sind auch die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro
00:05:24 Ein Waldspaziergang
00:09:00 Der dissonante Gemüse-Smoothie
00:11:56 Gesundheitsreligion
00:17:59 Der Trend zur Zweit-Trinkflasche
00:20:25 Trau dir nicht selbst!
00:24:49 Die Oma ist verlorengegangen
00:30:48 Vom Kirchenaustritt zur Gesundheitsreligion
00:37:04 Longevity und das nie erreichbare Ziel
00:40:22 Scherers Moral-Spiel
00:45:11 Healthism
00:47:21 Corpus delicti und die Gesundheitsmoral
00:51:41 Gesundheit als permanent konsumierbares Versprechen
01:01:26 Ein Zwischenfazit
Das Gespräch in Kürze
Der Ausgangspunkt: Gesundheit überall
Warum ist Gesundheit plötzlich überall? Und zwar nicht nur in der Medizin, sondern im Alltag, in der Politik, im Konsum, im Internet, im gesamten kulturellen Koordinatensystem. Der Gedanke kam Jürgen Windeler beim Waldspaziergang: Man könne heute kaum etwas tun, ohne dass es gesundheitsbezogen interpretiert wird.
Beispiele gefällig?
Lebensmittel versprechen Antioxidantien.
Wälder werden zu Waldbadeorten.
Spielzeug trainiert kognitive Fähigkeiten.
Pflanzen verbessern das Raumklima.
Musik wirkt therapeutisch.
Kurzum: Alles ist plötzlich gesundheitsrelevant.
Die Gesundheitsreligion
Und dann kommen wir auf einen anderen Begriff, der schon länger durch die Debatten wabert: den der „Gesundheitsreligion“. Manfred Lütz hat ihn oft und gerne benutzt, zuletzt 2024 bei der DEGAM-Jahrestagung in Würzburg.1 Gesundheit ist danach nicht mehr nur ein Ziel, sondern ein moralischer Imperativ. Man könnte sagen: Gesundheit ist vom medizinischen Gut zum ethischen Gut aufgestiegen.
Gesundheit wird zum summum bonum, dem höchsten Wert. Wenn das passiert, verändert sich etwas Entscheidendes: Krankheit erscheint nicht mehr einfach als Schicksal oder biologische Realität, sondern zunehmend als moralisches Problem.
Die Logik lautet dann schnell:
Wer gesund lebt, handelt richtig.
Wer krank wird, hat etwas falsch gemacht.
Ein plastisches Beispiel ist die Adipositas.
Religion ohne Gott
Im Gespräch haben wir diese Analogie systematisch durchgespielt und versucht, religiöse mit gesundheitlichen Termini semantisch in Bezug zu bringen:
Heilsversprechen ≈ Longevity, Healthy Aging
Sünde ≈ ungesunder Lebensstil
Askese ≈ Clean Eating, Detox
Rituale ≈ Self-Tracking, Dry January
Beichte ≈ Arztbesuch, Check-up
Erlösung ≈ Prävention, Früherkennung
Selbst Rituale lassen sich leicht identifizieren: Intervallfasten, Self-Tracking, Smoothies, Biohacking, Dry January. Sie erfüllen eine ähnliche Funktion wie religiöse Praktiken: Sie geben Orientierung und schaffen moralische Zugehörigkeit.
Healthism – ein alter Begriff
Die Entwicklung ist keineswegs neu. Bereits 1980 beschrieb der Soziologe Robert Crawford das Phänomen unter dem Begriff Healthism.2 Das meint die Vorstellung, dass Gesundheit vor allem ein Ergebnis individuellen Verhaltens ist und deshalb auch moralisch bewertet werden darf.
Gesundheit wird so zu einer Art persönlicher Tugend.
Neu ist allerdings die Intensität. Analysen zeigen, dass der Diskurs über Healthism sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert hat und heute deutlich stärker kulturell und politisch aufgeladen ist.34
Warum passiert das?
1. Medizinischer Fortschritt
Wir wissen heute schlicht viel mehr über Risiken und Krankheiten. Bildgebung, Biomarker, Genetik – all das ermöglicht Einblicke in den Körper, die früher undenkbar waren. Das hat einen Nebeneffekt: Je mehr wir sehen können, desto leichter entsteht die Botschaft: Du kannst deinem Körper nicht trauen.
Früher blieb Menschen nichts anderes übrig, als auf ihre Wahrnehmung zu vertrauen. Heute wird ihnen vermittelt, dass nur Diagnostik wirklich Sicherheit gibt.
2. Wirtschaft und Märkte
Gesundheit ist längst ein gigantischer Markt geworden. Die Forschung zu den commercial determinants of health zeigt, wie stark wirtschaftliche Akteure Gesundheitsnarrative prägen können.5678 Die Fachzeitschrift The Lancet hat dem Thema einst sogar eine ganze Serie gewidmet.9
Industrie und Märkte verstärken Trends, oft durchaus legitim aus ihrer Perspektive. Ein Beispiel aus unserem Gespräch ist der Mythos vom ständigen Trinken. Noch vor wenigen Jahrzehnten lief niemand mit einer Wasserflasche herum. Heute ist Hydration zu einem Lebensstil geworden.
Solche Trends entstehen selten aus einer einzigen Quelle. Aber sie werden von Märkten dankbar aufgenommen und verstärkt.
Auch die Wellness-Industrie ist inzwischen ein gewaltiger Akteur, dessen Einfluss auf Gesundheitsentscheidungen erst langsam erforscht wird.10
3. Medien und Social Media
Gesundheit verkauft sich hervorragend. Ratgeberjournalismus, Influencer-Formate, Algorithmen und Plattformen verstärken einfache Botschaften:
„Sieben Lebensmittel gegen Entzündungen“
„Die Morgenroutine für Longevity“
„Dieser Trick verlängert dein Leben“
4. Kulturelle Sinnsuche
Der vielleicht spannendste Punkt ist ein kultureller: Historisch war der Umgang mit Krankheit und Tod stark religiös geprägt. Ein Mensch des 17. Jahrhunderts konnte Krankheit und Sterben leichter in ein religiöses Weltbild integrieren.
Heute ist diese Deutung weitgehend verschwunden. Und möglicherweise füllt Gesundheit genau diese Lücke.
Longevity – das ultimative Heilsversprechen
Besonders deutlich werden die Auswirkungen, die Wünsche und, ja, die Haltung in der Longevity-Bewegung. Die Idee ist nicht mehr nur, Krankheit zu vermeiden – sondern Altern zu kontrollieren. Longevity verspricht:
Kontrolle über den Körper
Kontrolle über den Zufall
Kontrolle über die Endlichkeit
Das Problem: Das Ziel verschiebt sich unablässig weiter, perfekte Gesundheit ist definitionsgemäß unerreichbar. Es ist ein ideales Geschäftsmodell mit potenziell 8 Mrd. Konsumenten oder wenigstens einigen Tausend, die wiederum die Milliarden besitzen, um sich Unendlichkeit leisten zu können.
Health Literacy, die Oma und ein Paradox
Nicht weniger interessant ist das Paradox der Health Literacy: Wir haben heute mehr medizinische Informationen als je zuvor und gleichzeitig bleibt die Gesundheitskompetenz vieler Menschen niedrig.
Früher gab es zumindest eine Art informelle Instanz: die Oma. Sie wusste, wann ein Wadenwickel reicht und wann ein Arzt nötig ist. Dieses Erfahrungswissen scheint weitgehend verschwunden. An dessen Stelle treten heute:
Online-Tests
Diagnostikangebote
Gesundheitsapps
Und damit ein wachsender Markt.
Die politische Dimension
Auch Politik verstärkt den Trend. Der Satz „Wir müssen präventiver werden“ ist inzwischen fast ein gesundheitspolitisches Mantra. Doch diese Formel ist problematisch. Denn sie verschiebt Verantwortung, vom System zum Individuum.
Wenn Gesundheit primär als persönliche Pflicht erscheint, wird Solidarität leicht zur Moralfrage.
Die dystopische Vision
An dieser Stelle kommt Literatur ins Spiel, nämlich der Roman Corpus Delicti. Darin beschreibt Juli Zeh eine Gesellschaft, in der Gesundheit zur Staatsdoktrin geworden ist. Menschen müssen sich dort gesund verhalten. Wer das nicht tut, verstößt gegen die Regeln.11
Viele Elemente dieser Dystopie existieren bereits, zumindest kulturell. Nicht als staatlicher Zwang, sondern als gegenseitige soziale Norm.
Wer ist schuld?
Die naheliegende Frage lautet: Wer ist verantwortlich, die Industrie, die Medien, die Politik, die Menschen selbst? Im Prinzip alle ein bisschen. Es handelt sich um ein selbstverstärkendes System:
individuelle Gesundheitssehnsucht
ökonomische Angebote
politische Responsivität
mediale Verstärkung
Und jetzt?
Wie so oft haben wir am Ende des Grübelns erst einmal mehr neue Fragen als Antworten. In jedem Fall aber auch der Befund: Prävention wird zur Moral, Aufklärung zur Zumutung und Komplexität zum Feind.
Aber wir haben auch einen optimistischen Gedanken: Trends laufen sich manchmal auch von selbst tot. Menschen sind lernfähig. Vielleicht merken wir irgendwann, dass wir uns im Gesundheitskult ein bisschen verlaufen haben.12
Literatur
Schnack D. „Gesundheitsreligion“: Wenn Menschen traurig auf Körnern herumkauen. Ärzte Zeitung Published Online First: 27 September 2024. https://www.aerztezeitung.de/Kongresse/Gesundheitsreligion-Wenn-Menschen-traurig-auf-Koernern-herumkauen-453176.html
Crawford R. Healthism and the Medicalization of Everyday Life. Int J Heal Serv 1980;10(3):365–88. doi: https://doi.org/10.2190/3h2h-3xjn-3kay-g9ny
Armstrong D. The Changing Discourse of Healthism: A Contextual Analysis. Sociol Heal Illn 2025;47(7):e70073. doi: https://doi.org/10.1111/1467-9566.70073
Turrini M. A genealogy of “healthism”: Healthy subjectivities between individual autonomy and disciplinary control. Eä - Journal of Medical Humanities & Social Studies of Science and Technology 2015;7(1):11–27. https://hal.science/hal-01350627v1
Lacy-Nichols J, Nandi S, Mialon M, et al. Conceptualising commercial entities in public health: beyond unhealthy commodities and transnational corporations. Lancet 2023;401(10383):1214–28. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(23)00012-0
Burgess RC, Nyhan K, Dharia N, et al. Characteristics of commercial determinants of health research on corporate activities: A scoping review. PLOS ONE 2024;19(4):e0300699. doi: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0300699
Baker P, Slater S, White M, et al. Towards unified global action on ultra-processed foods: understanding commercial determinants, countering corporate power, and mobilising a public health response. Lancet Published Online First: 2025. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(25)01567-3
Gilmore AB, Fabbri A, Baum F, et al. Defining and conceptualising the commercial determinants of health. Lancet 2023;401(Milbank Q 98 2020):1194–213. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(23)00013-2
Lancet T. Unravelling the commercial determinants of health. Lancet 2023;401(10383):1131. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(23)00590-1
Allem J-P. The Need for Research on the Wellness Industry’s Impact on Health Decisions. Am J Prev Med 2024;67(4):627–30. doi: https://doi.org/10.1016/j.amepre.2024.05.010
Zeh J. Corpus Delicti: Ein Prozess. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Schöffling 2009. https://d-nb.info/99139609X
Diener F. GKV-Finanzreform: Alibi-Maßnahmen oder „großer Wurf“? Observer Gesundheit. 23.01.2026. https://observer-gesundheit.de/gkv-finanzreform-alibi-massnahmen-oder-grosser-wurf/















