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Wenn PPI zu „Legacy Drugs“ werden – und wie man sie wieder los wird
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Wenn PPI zu „Legacy Drugs“ werden – und wie man sie wieder los wird

Über die DeprescrIPP-Studie in Hausarztpraxen

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. Wenn PPI zu „Legacy Drugs“ werden – und wie man sie wieder los wird. EvidenzUpdate 2026;7:178. doi: 10.69156/POD.001/2026.04.00178

Ahoi! Protonenpumpenhemmer, Pantoprazol, Omeprazol und Co, sind wie „Smarties“ in der täglichen Pharmakotherapie: klein, auch ein wenig bunt, irgendwie toll und nützlich, scheinbar harmlos. Und in rauen Mengen im Umlauf: Allein Pantoprazol kommt 2024 in der GKV auf 23 Millionen Verordnungen, 3 Milliarden Tagesdosen und fast 400 Millionen Euro Nettokosten.12 Alte Schwedin!

Ja: In aller Regel werden PPI sicher mit gutem Grund eingesetzt bzw. begonnen. Nur: Allzuoft werden sie dann „vergessen“, nicht abgesetzt, im Zweifel sogar einfach weiterverordnet.

Was tun? Wie wird man sie wieder los? Das hat ein Team französischer Hausärzte et al. um Jean-Pascal Fournier aus Nantes in der DeprescrIPP-Studie (NCT04255823) untersucht. Die besprechen wir hier und heute.

Spoiler I: Die Studie verdient etliches Lob und bekommt es auch.

Spoiler II: Die Implementierung der untersuchten Intervention wäre ein Problem.

Spoiler III: Man kann aber einiges ableiten. (Aufgezeichnet haben wir am 14. April 2026.)

Und weil die Bild-KI so herrlich über diese Episode „nachgedacht“ und assoziiert hat, gibt es das verrückte Episoden-Bild heute zum Anklicken und Herunterladen:

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:

Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de

Für alle Protonen- und Ionen-Freunde gibt es selbstverständlich die Kapitelmarken:

  • 00:00:00 Intro

  • 00:01:56 PPI

  • 00:05:37 Wie Smarties

  • 00:08:16 Ganz kurz: Die Protonenpumpe

  • 00:10:22 DeprescrIPP-Studie

  • 00:13:10 Die Ergebnisse

  • 00:17:38 NNT von 15

  • 00:21:19 Briefe zur Systemrettung?

  • 00:24:12 Methodenkritik

  • 00:26:32 Glossar: Cluster Randomized Trial

  • 00:28:12 Übertragbarkeit F auf DE

  • 00:30:18 Side Step ARena

  • 00:32:07 Legacy Drugs

  • 00:33:38 Key takeways

Unser Gespräch zusammengefasst

PPI landen schnell (und manchmal reflexartig) auf dem Rezept: unspezifische Oberbauchbeschwerden, NSAR, alles legitime Anlässe. Das Problem liegt nicht im Starten, sondern im Nicht-Aufhören. Aus der kurzfristigen Verordnung wird eine Dauertherapie. Weil PPI vermeintlich harmlos sind (im Einzelfall, nicht in der Summe!), fehlt der Impuls zum Absetzen. Dass sie mit einem erhöhten Risiko für Nierenprobleme, Infektionen, Frakturen und weitere unerwünschte Ereignisse assoziiert sind, geht im Alltag unter. Ein Systemproblem, hochskaliert auf drei Milliarden Tagesdosen p.a. nur in der deutschen GKV.

Die DeprescrIPP-Studie3 hat drei Strategien gegen PPI-Überversorgung in der Primärversorgung gegeneinander getestet:

  1. kombinierte Patienten-und-Arzt-Intervention (Aufklärungsflyer per Post an die Patienten, Deprescribing-Algorithmus-Brief an die Hausärzte),

  2. reine Arzt-Intervention (nur der Algorithmus-Brief an die Praxis) und

  3. usual care.

Primärer Endpunkt war mindestens 50% Reduktion des PPI-Verbrauchs nach 12 Monaten, gemessen anhand von Verordnungsdaten der Kassen.

Das Ergebnis ist eindeutig: Die kombinierte Intervention halbiert den PPI-Verbrauch bei knapp 15% der Patient:innen. Die reine Doc-Intervention kommt auf 7,7%, genauso viel wie gar keine Intervention (7,0%). Der Brief an die Doctores allein hat: nichts gebracht. Null. Niente. Und das bei fast 700 Praxen und über 34.000 Patienten.

Gleichzeitig zeigt die Studie: Absetzen schadet nicht! Die GERD-Symptomscores (erfasst über den GERD Impact Scale, GIS, in einer 10-%-Substichprobe) unterscheiden sich zwischen den Gruppen nicht klinisch relevant: Alle Differenzen liegen weit unterhalb der als bedeutsam definierten Schwelle von 0,5 Punkten.

Die NNT und die Postkutsche

Die absolute Differenz zwischen kombinierter Intervention und usual care beträgt 6,9 Prozentpunkte, das ergibt eine Number needed to treat, eine NNT von 15. 15 Patienten (und deren Praxen) muss man anschreiben, damit bei einer Person der PPI-Verbrauch reduziert wird.

Für ein bisschen Porto klingt das attraktiv: nicht nur als Postkutschen-Konjunktur, sondern auch auf Public-Health-Ebene, wenn man es auf die Milliarden DDD hochrechnet.

Aber im Umkehrschluss heißt es auch: 14 von 15 laufen weiter mit PPI, das ist das eigentliche Problem, das auch in dieser Studie nicht gelöst wurde.

Zwischenfazit: Die Versorgung fängt beim Versicherten an. Deprescribing ist keine Einbahnstraße. Wer nur die Doctores adressiert, bewegt nichts.

Was die Studie leistet und was nicht

Die Studie muss man loben:

  • für ihr pragmatisches Design unter Alltagsbedingungen,

  • für die saubere Cluster-Randomisierung und

  • vor allem für die Erhebung patientenberichteter Outcomes, was viele Deprescribing-Studien versäumen.

Die Einschränkungen sind trotzdem relevant:

  • Der primäre Endpunkt ist ein Surrogatendpunkt (Kassendaten, keine tatsächliche Einnahme).

  • PPI sind auch in Frankreich rezeptfrei erhältlich, das verzerrt die Daten möglicherweise nach unten.

  • Es fehlt ein reiner Patienten-Arm, der interessant gewesen wäre: Wie viel des Effekts kommt tatsächlich von den Patienten allein?

  • Die Population ist selektiert, Hochrisikogruppen (NSAR >65 Jahre, Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer) waren ausgeschlossen, also genau die Gruppen, bei denen das Absetzen besonders heikel ist.

  • Die Symptomerfassung nach zwölf Monaten könnte frühe Rebound-Phänomene verpasst haben.

Übertragbarkeit auf Deutschland: Die Versorgungsstrukturen sind nicht identisch, das zentralisierte französische System erleichtert solche Postinterventionen. Aber das Grundproblem ist dort wie hier dasselbe. Das Prinzip, Patientinnen und Patienten aktiv einzubeziehen, lässt sich durchaus übertragen.

Ein kurzer Seitenblick auf die eigene Forschung: In der GET.FEEDBACK.GP-Studie zu Depressionsscreening in der Hausarztpraxis haben wir in Deutschland Ähnliches beobachtet.4 Nur wenn Doc und Patientin gleichermaßen adressiert wurden, änderte sich die Versorgung. Rein arztgerichtete Maßnahmen verpuffen. Das ist kein Zufall, sondern scheint ein robustes Muster zu sein.

Legacy Drugs: ein relevanter Begriff

Das Editorial in JAMA Internal Medicine von Timothy Anderson aus Pittsburgh bringt einen Begriff ins Spiel, den wir uns merken wollen: Legacy Drugs, Medikamente, die sinnvoll gestartet wurden und dann einfach bleiben.5 Klinische Erbstücke, die von Quartal zu Quartal mitgeschleppt werden, ohne je wieder hinterfragt zu werden. PPI sind ein Paradebeispiel.

Auch Anderson lobt die Studie für ihre patientenberichteten Outcomes und kritisiert ebenfalls das Fehlen eines reinen Patienten-Arms. Er fordert mehr RCT, die nicht nur Verordnungsmengen messen, sondern auch Benefits und Risiken des Absetzens.

Fazit: Mehr Absetzmomente einbauen

Deprescribing funktioniert, aber nicht im Alleingang. Die praktischste Konsequenz der Studie: Wir brauchen mehr Absetzmomente im klinischen Alltag. Systematische Gelegenheiten, innezuhalten und zu fragen: Braucht diese Patientin das noch? In Leitlinien zur Multimorbidität und Multimedikation steht das bereits. Die Krux ist, wie so oft, es in den eigenen Alltag zu kriegen. Deprescribing ist keine einmalige Aktion, sondern ein Teil guter kontinuierlicher Versorgung, eine Kultur.

Und für alle, die sagen: „Ich hab keine Zeit für Deprescribing-Gespräche, das wird nicht vergütet“, ist die Antwort: Auch Überversorgung erzeugt Arbeit. Jeder unnötige Dauerläufer bedeutet Folgekontakte, Rückfragen, Nebenwirkungen. Wer keine Zeit fürs Absetzen hat, hat eigentlich auch keine Zeit fürs Weiterverordnen.

DeprescrIPP in Kürze

Eine pragmatische, cluster-randomisierte, offene klinische Studie mit drei Armen (1:1:1). Laufzeit: November 2020 bis November 2021 (Datenanalyse 2025). Cluster = Hausarztpraxis.

  • (P)opulation: 34.409 Erwachsene (≥18 Jahre) mit ≥300 DDD PPI/Jahr (tgl. Einnahme mit ≥80% Adhärenz) aus 683 Hausarztpraxen in Loire-Atlantique und Vendée, Westfrankreich.

    • ∅ 68,6 Jahre, 56,7% ♀, 60% mit chronischer Erkrankung, 13,8% mit ≥15 Medikamenten

    • Ausgeschlossen: NSAR >65 Jahre, Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer.

  • (I)ntervention und (C)omparisons:

    • Arm 1 (kombiniert, n = 11.442): Aufklärungsflyer an Patienten per Post + Algorithmus-Brief an Praxen

    • Arm 2 (nur Arzt, n = 11.235): Algorithmus-Brief nur an Praxen

    • Arm 3 (usual care, n = 11.732): keine Intervention

  • (O)utcomes:

    • Primär: ≥50% Reduktion des jährlichen PPI-Verbrauchs in DDD nach 12 Monaten (Verordnungsdaten der Kassen)

    • Sekundär: GERD-Symptome (GERD Impact Scale, GIS) in einer 10-Prozent-Substichprobe.

GIS-Scores: Kein klinisch relevanter Unterschied zwischen den Gruppen (alle Differenzen <0,2 Punkte, Schwelle für klinische Relevanz: 0,5 Punkte).

Adieu!

Literatur

1

WIdO-PharMaAnalyst mit Abfrage ATC-Code A02BC02 (Pantoprazol); Zugriff am 14. April

2

Ludwig W-D, Mühlbauer B, Seifert R, editors. Arzneiverordnungs-Report 2025. Berlin, Heidelberg: Springer 2026. doi: https://doi.org/10.1007/978-3-662-72738-6

3

Fournier J-P, Gaultier A, Riche V-P, et al. Deprescribing Intervention and Reduction of Proton Pump Inhibitor Use in Primary Care. JAMA Intern Med 2026;186(6). doi: https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2026.0584

4

Löwe B, Scherer M, Braunschneider L-E, et al. Clinical effectiveness of patient-targeted feedback following depression screening in general practice (GET.FEEDBACK.GP): an investigator-initiated, prospective, multicentre, three-arm, observer-blinded, randomised controlled trial in Germany. Lancet Psychiatry 2024;11(4):262–73. doi: https://doi.org/10.1016/s2215-0366(24)00035-x

5

Anderson TS. Deprescribing Proton Pump Inhibitors and the Challenge of Legacy Medications. JAMA Intern Med 2026;186(6). doi: https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2026.0594

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