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Nößler D, Scherer M. Vorhofflimmern: Das Schirmchen hat versagt. EvidenzUpdate 2026;7:177. doi: 10.69156/POD.001/2026.04.00177
Servus! Lust auf einen kleinen und kurzen (!) Ausflug ins linke Atrium? Dort können wir uns das Öhrchen anschauen. Und die Schirmchen, also: den katheterbasierten Vorhofohrverschluss, den LAA-Okkluder (engl.: Left Atrial Appendage Closure). Dafür haben wir eine frische, große, deutsche Studie auf dem Tisch, dazumal unabhängig von der Industrie. Es geht um die CLOSURE-AF, die Mitte März publiziert worden im New England Journal of Medicine.
Spoiler: Das Schirmchen hat ziemlich gelitten. Und undicht ist es auch noch. (Aufgezeichnet haben wir am 23. März 2026.)
Und das, also der Aufzeichnungstermin, erklärt auch, warum wir in dieser Short-Take-Episode nur die CLOSURE-AF-Studie besprochen haben, nicht aber die CHAMPION-AF-Studie (vom Schirmchen-Hersteller Boston Scientific). Letztere war fünf Tage nach unserem Gespräch bei der ACC-Jahrestagung vorgestellt worden. Und sie kommt, da eine Industrie-Studie, erwartungsgemäß zur Nichtunterlegenheit. Aber an ihr stimmt so manches nicht. Beim genauen Blick untermauert sie sogar die CLOSURE-AF-Befunde. Wir haben die CHAMPION-AF separat in einem Evidenz-Quickie beschrieben:
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
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Für alle, die nicht im „Regen“ stehen (wollen), gibt es hier die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro – und a bisserl Politik
00:03:29 Die Herzöhrchen
00:06:30 CLOSURE-AF Trial
00:10:15 Unbequeme Ergebnisse
00:13:51 Stärken und Schwächen
00:17:52 Practice Pointer
Unser Gespräch in Kürze
Die Logik für den Vorhofohrverschluss ist verlockend: Wenn ein Großteil der Thromben im linken Herzohr (Auricula cordis sinistra) entsteht, warum das Herzohr nicht einfach verschließen? Wenn man dann noch auf orale Antikoagulation verzichten könnte, wäre das nicht nur ein Gewinn für die Schirmchen-Hersteller, sondern auch für die geschirmten Menschen. Diese Option klingt charmant für jene mit Blutungsanamnese oder Antikoagulations-Unverträglichkeit.
Die Leitlinien sind zurückhaltend. Die einschlägige ESC-/EACTS-Leitlinie zum Vorhofflimmern empfiehlt die LAA-Okkluder nur schwach mit Klasse IIb und Evidenzlevel C für jene, bei denen OAK kontraindiziert sind.1
Basis für die Empfehlungen sind die früheren randomisierten kontrollierten Studien, bei denen die Schirmchen oftmals mit Vitamin-K-Antagonisten verglichen wurden, bspw. PROTECT AF2 oder PREVAIL.3 Diese Studien waren allerdings von den Herstellern der Schirmchen gesponsert.
Die neue Studie CLOSURE-AF ist die bislang solideste, weil industrieunabhängig, gegen den medikamentösen Quasi-Standard und in einer echten Hochrisikokohorte, durchgeführt an deutschen Zentren.4
Die Ergebnisse sind eindeutig und ernüchternd: Der kombinierte primäre Endpunkt (Schlaganfall, systemische Embolie, schwere Blutung, Tod) trat im Interventionsarm häufiger auf als unter medikamentöser Therapie. 16,8 vs. 13,3 Ereignisse je 100 Patientenjahre. Die Nichtunterlegenheit haben die Schirmchen klar verfehlt.
Noch interessanter wird’s beim Blick auf die Einzelkomponenten: kein Unterschied beim Schlaganfall (je 27 Ereignisse), kein Blutungsvorteil durch das Schirmchen (im Gegenteil leicht mehr Blutungen). Mehr kardiovaskuläre Todesfälle im Schirmchenarm, mehr Hospitalisierungen. Und das alles in erfahrenen Zentren, nicht in irgendeiner Dorfklinik.
Neben dem fehlenden Nutzen kamen dann auch noch unmittelbare Schäden hinzu: Innerhalb der ersten Tage hatten 5,7% der Patienten relevante Komplikationen: Perikardtamponaden, Blutungen, Transfusionsbedarf. Das ist jeder 20.! Hinzu kamen zwei prozedural bedingte Todesfälle, eine Device-Embolisation, und im Supplement tauchen Leckagen bei 58 von 320 Patienten auf. Dass es bei fast jedem Fünften Leckagen gibt, zeigt, dass der Verschluss häufig unvollständig ist.
Mit anderen Worten: Wenn es schon nichts nützt, kommt auch noch Schaden dazu.
Petr Widimský fragte in seinem begleitenden Editorial, ob der LAA-Verschluss „another overused method in cardiology“ sei, ähnlich wie die renale Denervation bei Bluthochdruck oder die PCI bei chronischen Totalverschlüssen.5 Unsere Antwort: Genau. Der Vorhofohrverschluss ist keine Standardalternative zur Antikoagulation.
Drei Practice Pointers
Die Antikoagulation bleibt Standard bei Vorhofflimmern. Schirmchen ist kein Ersatz.
Wer eine OAK verträgt, soll sie auch bekommen.
Vorhofohrverschluss ist eine absolute Einzelfallentscheidung, keine Routinebehandlung.
Sind die Schirmchen jetzt grundsätzlich kaputt? Nicht ganz. Aber sie sind angezählt. Das Schirmchen bleibt Ultima Ratio für echte Ausnahmefälle. Und dann muss transparent kommuniziert werden, dass es keinen belegten Vorteil gegenüber der medikamentösen Therapie gibt.
CLOSURE-AF in Kürze
Die Studie ist eine pragmatische, prospektive, randomisierte, open-label, verblindete Untersuchung (PROBE-ähnlich) an 42 erfahrenen Zentren in 🇩🇪; gesponsert ist sie vom DZHK, keine Industrie-Beteiligung (NCT03463317)
PICO
(P)opulation: Nicht-valvuläres VHF + CHA₂DS₂-VASc ≥ 2 + hohes Blutungsrisiko (HAS-BLED ≥ 3 oder frühere intrakranielle Blutung oder eGFR 15–29 ml/min oder rezidivierende Blutungen)
n = 912 randomisiert, 888 analysiert (ein Zentrum wegen Datenqualität ausgeschlossen)
Ø 77,9 Jahre; CHA₂DS₂-VASc: 5,2 ± 1,5; HAS-BLED: 3,0 ± 0,9; 38,6% Frauen
(I)ntervention: LAA-Verschluss (Watchman/Watchman FLX 54%, Amulet 42%); nachfolgend DAPT ≥3 Monate (n = 446)
(C)omparison: Physician-directed best medical care: 85,1% erhielten DOAK (n = 442)
(O)utcomes: Kombinierter Nettobenefit-Endpunkt (Zeit bis erstes Ereignis) aus Schlaganfall (isch. oder hämorr.) + system. Embolie + schwere Blutung (BARC ≥3) + kardiovaskulärer oder unerklärter Tod
Nicht-Unterlegenheits-Marge: Hazard Ratio < 1,3 (strenger als PREVAIL: 1,8; PRAGUE-17: 1,49; OPTION: 1,5)
Follow-up: Median 3,0 Jahre (IQR 1,7–4,7), max. 6,7 Jahre
Ergebnisse
Einordnung
Stärken
Industrieunabhängig, akademisch gesponsert
PROBE-Design mit verblindeter Endpunkt-Adjudikation
Eingriffe ausschließlich in erfahrenen LAA-Zentren
Strenge Nicht-Unterlegenheits-Marge (HR 1,3), anspruchsvoller als frühere Studien
Limitationen
Stichprobengröße zweifach reduziert: ursprünglich 1.586, final 888; Power-Frage bleibt offen
Rekrutierungsstopp bei 912 Patienten wegen vermuteter „Überpower“ nach PRAGUE-17-Daten; möglicherweise war die Studie am Ende sogar unterpowert für das Nicht-Unterlegenheitsziel
Überwiegend weiße, deutsche Population = eingeschränkte Generalisierbarkeit
Einige Patienten im Prüfarm (LAA) vertragen DOAK offenbar gut; LAA-Okkluder konkurrierte hier also nicht nur mit nicht-tolerierbarer OAK, sondern direkt mit bester Pharmakotherapie
Unvollständige Verblindung der Prüfer war bei prozeduralen Komplikationen unvermeidbar
Unterschiedlicher Follow-up-Verlust: mehr Withdrawals im LAA-Arm, mehr Lost to follow-up im Kontrollarm
Schönes Wochenende!
Literatur
Gelder ICV, Rienstra M, Bunting KV, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Hear J 2024;45(36):3314–414. doi: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehae176
Holmes DR, Reddy VY, Turi ZG, et al. Percutaneous closure of the left atrial appendage versus warfarin therapy for prevention of stroke in patients with atrial fibrillation: a randomised non-inferiority trial. Lancet 2009;374(9689):534–42. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(09)61343-x
Holmes DR, Kar S, Price MJ, et al. Prospective Randomized Evaluation of the Watchman Left Atrial Appendage Closure Device in Patients With Atrial Fibrillation Versus Long-Term Warfarin Therapy The PREVAIL Trial. J Am Coll Cardiol 2014;64(1):1–12. doi: https://doi.org/10.1016/j.jacc.2014.04.029
Landmesser U, Skurk C, Kirchhof P, et al. Left Atrial Appendage Closure or Medical Therapy in Atrial Fibrillation. N Engl J Med 2026;394(13):1270–80. doi: https://doi.org/10.1056/nejmoa2513310
Widimský P. Left Atrial Appendage Closure — Another Overused Method in Cardiology? N Engl J Med 2026;394(13):1336–8. doi: https://doi.org/10.1056/nejme2518067














