EvidenzUpdate
EvidenzUpdate-Podcast
Ein Streit mit Herz: Kardiologie trifft Allgemeinmedizin
0:00
-1:28:28

Ein Streit mit Herz: Kardiologie trifft Allgemeinmedizin

Miteinander reden über Zielwerte, Leitlinien und Debattenkultur

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Blankenberg S, Scherer M. Ein Streit mit Herz: Kardiologie trifft Allgemeinmedizin. EvidenzUpdate 2026;7:172. doi: 10.69156/POD.001/2026.02.00172

Salve! Der BVB ist raus aus der Champions League, die Herren haben es ziemlich vermasselt: erst gepennt, dann Fehler gemacht. Blöd für alle, die es mit Schwarz-Gelb halten.

Nicht weniger blöd ist es in der Medizin, wenn man etwas verpennt oder „raus ist“. Zum Beispiel wenn es um Herz geht, um die Koronarien, und auf einmal ein paar Fachgesellschaften aus Leitlinien „raus sind“. Oder wenn sie sich im Streit ums Herz und über die richtigen klinischen Interpretationen von Studienevidenz (mehr oder weniger) zerlegen und dem Streit kein konstruktiver Diskurs mehr folgt. Auch das ist ziemlich blöd.

Zugegeben, auch wir reden im EvidenzUpdate-Podcast nicht selten, vielleicht zu oft, über die da statt mit denen. Das soll sich ändern. Wir gehen direkt in die Vollen und beginnen mit der Kardiologie. Dafür haben wir Stefan Blankenberg gewonnen, den amtierenden Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK).

Mit ihm beginnen wir in dieser – nicht ganz kurzen – Episode, über die großen und jüngsten Konflikte zwischen Allgemein- und Innerer Medizin zu reden. Das Ziel des Gesprächs: Verständigung, Brückenbauen, damit der Streit wieder fruchtbar wird, konstruktiv, so wie es übrigens immer wieder Leitlinien-Teams vormachen. Spoiler I: Dieses Gespräch ist ein Anfang, weitere werden folgen. (Aufgezeichnet haben wir am Abend des 11. Februar.)

Bitte an alle: Welches kardiologische (Streit-)Thema interessiert Euch und Sie, das wir in den Diskurs bringen sollen? Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:

Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de

Für alle, denen das Herzchen hüpft, gibt’s hier zum Hüpfen die Kapitelmarken:

  • 00:00:00 Intro

  • 00:01:35 Heimspiel oder Heimspiel

  • 00:03:25 Stefan Blankenberg

  • 00:04:42 Die Scherer-Blankenberg-Connection

  • 00:06:32 Ziel des Gesprächs

  • 00:11:33 Hintergründe und Streit

  • 00:14:52 Umgang mit Unsicherheit

  • 00:20:49 Testen für jeden?

  • 00:27:29 Ab wann behandeln?

  • 00:31:24 Konflikte? Welche Konflikte?

  • 00:34:52 GCVRC-Studien

  • 00:38:28 2x Dissens: Marburger Herz-Score & Ziele

  • 00:42:19 Von der HR zur Therapie

  • 00:52:03 MHS-Replik & Dyspnoe

  • 00:56:55 Verliebtheiten

  • 01:00:43 MHS-Battle, der zweite

  • 01:04:26 Frühstücksansprache und -abwicklung – und die NVL KHK

  • 01:12:47 Querflöte gegen Evidenz-Frust

  • 01:15:31 Und die ESC?

  • 01:21:42 Lessons learned & Ausblick

  • 01:25:07 Und noch eine Challenge

  • 01:27:15 Cliff-Cliffhanger

Das Gespräch in a nutshell

Spoiler II: In dieser Episode geht es nicht um einzelne Studien, Metaanalysen, Leitlinien oder spezifische klinische Themen, es geht ums große Ganze: das Streiten in der Wissenschaft und Medizin – und darüber, wie Streit verbinden kann.

Anlass dafür haben wir genug: das geplante sog. Gesunde-Herz-Gesetz (wir nennen es immer noch das Dusselige-Herz-Gesetz),1 die alte Debatte „Treat to Target vs. Fire and Forget“, der spektakuläre Rückzug internistischer Fachgesellschaften aus der NVL Chronische KHK23 mit der seinerzeit bemerkenswerten Kritik von DGK, DGIM und DGPR.4 Oder zuletzt die Sondervoten in der S3-Leitlinie Kardiovaskuläre Risikoprävention zu Lp(a), Kalzium-Score, Intima-Media-Dicke, 10- vs. 20-Prozent-Risikogrenzen,5 wenngleich dort den Leitlinien-Autoren durch viel Arbeit Kompromisse gelungen sind und niemand von Bord gegangen ist.

Wer hat am meisten Recht?

Hinter vielen Konflikten steckt weniger Rechthaberei als ein Perspektivunterschied zwischen Versorgungswelten. Die Kardiologie blickt naturgemäß aus der Hochrisikoperspektive auf Menschen mit manifesten Erkrankungen und sieht täglich gravierende Ereignisse.

Die Allgemeinmedizin schaut bekanntlich hingegen auf die unselektierte (niedrigprävalente!) Bevölkerung, auf Zeitdruck (vgl. auch Time Needed to Treat), Multimorbidität, Überdiagnostik und die vielen Menschen, die mit leicht erhöhten Werten sehr gut leben.

Die einen sind sensibel dafür, nichts zu verpassen; die anderen dafür, nicht zu viel zu eskalieren. Sensitivität trifft Spezifität. Zielwert trifft Kontext. Beides hat gute Gründe.

Einigkeit im Großen, Dissens im Speziellen

An einem fiktiven „Modellpatienten“ haben wir durchdekliniert, wie kardiovaskuläre Risikoprävention im Alltag aussehen kann: Lebensstil anpacken, Blutdruck und Lipide nicht unter den Tisch fallen lassen, Risiken transparent machen, gemeinsam entscheiden.

Im Grunde sind sich beide Fachgebiete einig: Risikoprävention ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie lebt von Beziehung, Kommunikation und davon, dass Patient:innen verstehen, warum sie etwas tun.

Die Unterschiede werden bspw. da sichtbar, wo große Studien auf die alltägliche Praxis treffen. Was bedeuten populationsbasierte Daten (etwa zu Risikofaktoren wie Hypertonie, Rauchen oder Lipiden) für die einzelne Patientin?

Wie müssen wir über modellierte Lebenszeitgewinne sprechen? Wann folgen aus Populationsrisiken individuelle Therapieziele? Wo endet hilfreiche Orientierung und wo wird aus Zielwerten ein Fetisch? Und wie viel „Messbarkeit“ braucht gute Medizin, ohne dass wir am Ende mehr messen als verstehen?

Festgemacht haben wir das unter anderem an den Daten, die das Global Cardiovascular Risk Consortium ermittelt hat.67 Davon ist Stefan Blankenberg „zufällig“ der Letztautor.

Spoiler III: Der Streit darüber ist unentschieden.

Cave Verliebtheiten!

Zu Gast sind auch die alten Zankäpfel: Scores, Vortestwahrscheinlichkeiten, die ewige Debatte um diagnostische Algorithmen, methodische Unterschiede in der Bewertung von Evidenz.

Eine Erkenntnis: Manchmal verlieben sich Fachgebiete in ihre Instrumente, werden die eigenen Werkzeuge zu Überzeugungen und inhärent evident, werden die der anderen gleichzeitig zur Ideologie. Das ist menschlich, aber gefährlich. Denn genau hier beginnt der Punkt, an dem Debatten nicht mehr klären, sondern verhärten.

Es geht im Gespräch beispielhaft natürlich um den Marburger Herz-Score, auf den die Kardiologen dezidiert anders blicken als die Allgemeinmedizin. Spoiler IV: Das Gespräch darüber und die Details werden wir fortsetzen.

Streit = das Gegenteil von Makel

Und bei bzw. trotz allem Streit geht es schließlich um die Leitlinienkultur: Der Rückzug der Kardiologie und Inneren aus der NVL KHK war weniger ein inhaltlicher als ein struktureller Konflikt, bei der Kardiologie das Gefühl, systematisch überstimmt zu werden. Nur heilt ein Rückzug diesen Konflikt eben nicht.

Umso wichtiger die Einsicht: Leitlinien sind kein parlamentarischer Schlagabtausch, sondern Werkstätten. Sie funktionieren nur, wenn sich alle Beteiligten ernst genommen fühlen. Und wenn Dissens nicht als Störfaktor, sondern als Qualitätsmerkmal begriffen wird. Sondervoten sind kein Makel, sondern Ausdruck wissenschaftlicher Redlichkeit.

Einfach mal die Tür aufmachen

Nein, weder in diesem Gespräch noch sonst wo soll es darum gehen, alte Rechnungen zu begleichen. Es sollte darum gehen, eine Tür aufzumachen. Und das betrifft unsere Gesellschaft, unsere Demokratie in toto: Man kann nicht nur streiten, man muss es sogar, stets in der Sache und trotzdem respektvoll.

Mit Blick auf die Medizin: Man kann Zielwerte kritisch sehen, deswegen ist das noch lange kein Abgesang auf Risikoprävention. Man kann erhöhte LDL-Werte klinisch bedeutsam finden, deswegen redet man nicht zwangsläufig der Überversorgung das Wort. Gemeinsam wird aus beidem bestenfalls sogar Quartärprävention.

Kurz gesagt: Diese Folge ist ein Auftakt. Ein Versuch, aus Grabenkämpfen Gesprächsräume zu machen, aus Lagerdenken gemeinsame Baustellen, die man zusammen besser schließt als alleine. Wir bleiben dran!

A risentirci!

Literatur

1

Nößler D, Scherer M. Vom kranken Herz-Gesetz – oder wie mit Studien Politik gemacht wird. EvidenzUpdate2024;5:125. doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2024.08.00125

2

Nößler D, Scherer M. Die NVL Chronische KHK unter Beschuss. EvidenzUpdate 2025;6:137. doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2025.05.00137

3

Nößler D, Scherer M. Methodische Frühlingsgefühle – oder warum Leitlinien ein bisschen Liebe brauchen. EvidenzUpdate 2025;6:138. doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2025.05.00138

4

Mehilli J, Eckardt L, Laufs U, et al. Stellungnahme zur kritischen Bewertung der Nationalen VersorgungsLeitlinie zur chronischen koronaren Herzerkrankung. Die Kardiologie 2025;19(3):1–7. doi: https://doi.org/10.1007/s12181-025-00744-w

5

Nößler D, Egidi G, Scherer M. Kardio-Prävention ohne „Lipid-Chirurgie“ – und von Alkohol, ASS, CAC, IMT und Lp(a). EvidenzUpdate 2025;6:163. doi: https://doi.org/10.69156/pod.001/2025.12.00163

6

The Global Cardiovascular Risk Consortium, Magnussen C, Alegre-Diaz J, et al. Global Effect of Cardiovascular Risk Factors on Lifetime Estimates. N Engl J Med 2025;393(2):125–38. doi: https://doi.org/10.1056/nejmoa2415879

7

The Global Cardiovascular Risk Consortium, Magnussen C, Ojeda FM, et al. Global Effect of Modifiable Risk Factors on Cardiovascular Disease and Mortality. N Engl J Med 2023;389(14):1273–85. doi: https://doi.org/10.1056/nejmoa2206916

Diskussion über diese Episode

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?