Guten Tag! (Diese merkwürdige deutsche Floskel versteht man hier in Paris öfter als gedacht.) Nach dem Friedrich Merz, Lars Klingbeil, Bärbel Bas und Markus Söder und den Donnerstag, den 3. WONCA-Kongresstag in Paris versaut haben, stand noch unser Gespräch über die relevanten Inhalte vom Kongress aus. Dafür haben wir uns Freitagfrüh ins Mini-Hotelzimmer zurückgezogen. Draußen läuft schon der letzte Kongresstag, jetzt holen wir den Donnerstag nach. Den Freitag bekommt ihr dann am Samstag. Spoiler (nur nicht nur) vom Donnerstag: viel alter Wein, frisch umetikettiert.
Und ein Mitmach-Aufruf: Wie erklärt ihr einer 93-Jährigen „Telekonsultation“, ohne dass sie an den Enkeltrick denkt? Videosprechstunde? Telefonsprechstunde? Wir suchen einen Begriff für Telemedizin, der die Leute abholt statt abzuschrecken. Schickt uns eure Vorschläge gerne per SMS (Nummer siehe unten).
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode, nämlich das mit viel Liebe von einem Menschen handgemachte Transkript, liefern wir die Tage hinter, ebenso wie den DOI.Noch der Paris-Disclaimer: Diese Episoden sind echte Quick-Takes. Deswegen gibt es keine Kapitelmarken. Bitte verzeiht auch, wenn der Sound nicht ganz optimal ist und nicht jedes Ähm oder jede merkwürdige Dopplung eliminiert ist.
Das neue Plus: Ab sofort könnt ihr uns via SMS erreichen und direkt eure Gedanken senden: +49-158-886-414-80. Via Telegram sind wir auch schon erreichbar. Dort freuen wir uns gerne auch über Sprachmemos. An WhatsApp und Co arbeiten wir.
Und via E-Mail geht es nach wie vor auch: podcast@evidenzupdate.de
Unser Gespräch in Kürze
🥐 Vorweg die Gastro-Kritik
Als vermutlich einziger medizinisch angehauchter Gastrokritiker-Podcast Deutschlands ein Service-Hinweis: Die Rue Mouffetard im 5. Arrondissement ist eine herrlich quirlige Fressmeile. Oben öffnet sie sich zur Place de la Contrescarpe mit Kleinkunst, Kopfhörer-Disco, südländischem Flair. Am Café Delmas kann man wunderbar sitzen und gucken, essen muss man dort aber nicht unbedingt. Zwei Lehren fürs Leben: Der Teegarten der Grande Mosquée (Apfeltee!) lohnt immer. Und nicht alles, was von außen wie ein Pub aussieht, ist innen auch einer.
🏷️ Aus Multimorbidität wird „MLTC“
In der Multimorbiditätskeynote am Donnerstagvormittag hat die britische Hausärztin und Public-Health-Forscherin Harini Sathanapally im Grunde einen gesprochenen Narrative Review über Multimorbidität gehalten. 22 Referenzen inklusive. Die Kritik darf man vorwegnehmen: ohne echte Neuigkeit. Ihr Kernmove: Sie tauft Multimorbidität in MLTC um, heißt: Multiple Long-Term Conditions.
Sie stützt sich auf die Terminologie-Arbeit von Khunti et al.1 Der bisherige Begriff sei zu technisch, defizitär und stigmatisierend, so das Argument pro MLTC. Ob aber MLTC nun weniger nach Bordcomputer klingt, das lassen wir einmal dahingestellt.
Der Rest war ein Best-of der Klassiker:
die globale Prävalenz der Multimorbidität von 37,2 % unter allen Erwachsenen, Spitzenreiter Süd- und Nordamerika,234
die Patienten-vs.-Behandler-Priorisierung aus ihrer eigenen Feder, damals hieß es noch Multimorbidität,5
Treatment Burden,6 und die Kontinuitäts-Evidenz: mehr Kontinuität bedeutet weniger Mortalität.7
Danach wagte sie sich sogar an die Prävention von Multimorbidität,8 was einen dann doch befremden könnte, wenn man damit wieder bei Screening, „Time Needed to Treat“, begrenzten Ressourcen und der großen Priorisierungsfrage landet.
Viel Bestätigung, viel Kopfnicken, ein paar feine Nuancen. Sprache formt zwar Prioritäten (Grüße an Wittgenstein), ersetzt aber keine Leitlinie. Die deutsche S3-Living-Guideline Multimorbidität9 will eigentlich genau diese Probleme lösen.
📱 Telehealth: nicht mehr ob, sondern wie
Die Telehealth-Session am Donnerstagvormittag mit sieben Vorträgen aus aller Welt zeigte: International wird nicht mehr diskutiert, ob Telemedizin funktioniert, sondern nur noch unter welchen Bedingungen.
Aufschlussreich eine qualitative Studie aus Malaysia: Die größten Hürden sind nicht technisch, sondern sprachlich und emotional. Viele Menschen verstehen das Wort „Telekonsultation“ schlicht nicht, empfinden es als unpersönlich oder fürchten Betrug (Scam-Anrufe sind in Südostasien ein Riesenproblem).
Eine slowenische Langzeitstudie ergänzt die Ärzteperspektive: Mit der Vertrautheit stieg die Zufriedenheit. Aus der Pandemie-Notlösung wurde selbstverständliche Regelversorgung.
Drei Erfolgsfaktoren kristallisierten sich heraus: Organisation (sauber in den Versorgungspfad eingebettet), Kommunikation (Empathie und Beziehung müssen durchs Medium tragen) und Vertrauen (Datenschutz, Kontinuität, „ist da jemand für mich da?“).
Und wieder das ernüchternde deutsche Echo: Während anderswo Telemedizin längst ein normales, reguläres, übliches, ja nicht mehr wegzudenkendes Tool im Versorgungsalltag geworden ist, führen wir Deutschen noch die großen Grundsatzdiskussionen.
🍷 Und dann: der Alkohol-Eklat
Im brechend vollen Amphithéâtre Bordeaux (Achtung, rein französische Sessions) mittendrin in eine Debatte um die neuen französischen Ernährungsempfehlungen geraten: das Programme National Nutrition Santé PNNS 5 (2026–2030).
Der Haut Conseil de la santé publique (HCSP) hatte sich im Vorfeld der internationalen Linie angeschlossen: schon kleine Mengen Alkohol erhöhen das Risiko (kardiotoxisch, kanzerogen).10 Der bisherige französische Charme („zwei Gläser am Tag, nicht täglich, maximal zehn pro Woche“) sollte danach damit eigentlich Geschichte sein. Und dennoch: Im aktuellen PNNS-5-Entwurf11 ist die Sichtweise komplett rausgeflogen und wird Alkohol nach wie vor mit „maximal zwei Getränke pro Tag und nicht täglich“ in den Empfehlungen genannt.
Der Saal war außer sich. Die französischen Hausärztinnen und Hausärzte standen Schlange an den Mikros und hätten noch Stunden weitergestritten: Man müsse den Leuten doch einfach sagen können, für ein gesünderes Leben: trink keinen Alkohol, Punkt. Auf dem Podium wurde für unser Empfinden sehr laviert: Irgendwie müssen wir es implementieren, wir müssen die Population berücksichtigen, wir sind halt Frankreich. Ein Streit, wie man ihn sich lebhafter kaum wünschen kann.
Dass in Deutschland die Leitlinien zur kardiovaskuläre Risikoberatung Alkohol ebenfalls explizit nicht mehr empfiehlt, sei angemerkt.
🤖 Zwei „kontroverse“ Nullsummenspiele
Ersetzt die KI die Hausärzte?
Zunächst eine Lektion in Zeitmanagement: In einem 30-Minuten-Pro-und-Contra (inkl. Diskussionszeit!!!) redete der erste Referent (Jean-François Thébaut, ein Diabetologe, erster Mac 1984) sage und schreibe 20 Minuten und sprengte damit die Session, sodass seine Kontrahentin, eine Hausärztin, ihr Manuskript in Rekordtempo herunterrattern musste (die KI-Untertitelung stieg zwischendurch aus).
Inhaltlich, warum KI Hausärztinnen (noch) nicht ersetzt: KI beherrscht vor allem Text, ob gesprochen, fotografiert, geschrieben, aber nicht das, was Hausarztmedizin ausmacht: das Unausgesprochene, die nonverbale Kommunikation, den „Doorknob“-Moment, also die Patientin schon mit der Türklinke in der Hand.
Die Gegenthese, also ein mutmaßliches Ja auf die Frage kam von von Stéphanie Sidorkiewicz aus Paris: Ersetzt wird längst, siehe den US-Bundesstaat Utah, wo Dauerverordnungen inzwischen von einem KI-Automaten kommen.121314
Fazit: Ärztliches Tun kann man vermutlich nicht ersetzen und wird es trotzdem tun, wenn Politik, Bürger, Industrien et al. es unter dem Banner „Access, Access, Access“ so Wollen.
Allgemeinmedizin fürs Individuum oder Gemeinschaft?
In dieser vermeintlichen Kontroverse wird der Part Pro-Community eröffnete von Karolina Griffiths, Hausärztin aus Montpellier. Sie bringt Sarah, jung, Diabetes, alleinerziehend: Jede Konsultation sei ein Fenster in die Lebensumstände, wir seien „Spezialisten für den Kontext“, so der Tenor.
Der Gegenpart, Jan De Maeseneer aus dem Gent, Belgien, konterte mit Jennifer (85, multimorbid) und legte in Cynthia-Boyd-Manier15 alle zutreffenden Leitlinien nebeneinander. Ergebnis: Krankheit als Vollzeitjob. Seine Pointe: Wir behandeln keine Populationen, wir behandeln Jennifer; manchmal ist gute Medizin gerade das Weglassen.
Beide hatten recht und lösen damit die künstliche Kontroverse selbst auf. Die DEGAM-Fachdefinition hätte die initiale Frage in einem Wort erledigt: beides.
🎯 Cliffhanger
Morgen, in der Abschlussepisode: wie es war, was wir als Klammer mitnehmen, für wen sich dieser Kongress wirklich lohnt und welche Themen hier praktisch nicht vorkamen.
À demain.
Literatur
Khunti K, Sathanapally H, Mountain P. Multiple long term conditions, multimorbidity, and co-morbidities: we should reconsider the terminology we use. BMJ 2023;383:p2327. doi: 10.1136/bmj.p2327
Chowdhury SR, Das DC, Sunna TC, et al. Global and regional prevalence of multimorbidity in the adult population in community settings: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine 2023;57:101860. doi: 10.1016/j.eclinm.2023.101860
Valabhji J, Barron E, Pratt A, et al. Prevalence of multiple long-term conditions (multimorbidity) in England: a whole population study of over 60 million people. J R Soc Med 2023;117(3):104–17. doi: 10.1177/01410768231206033
Eto F, Samuel M, Henkin R, et al. Ethnic differences in early onset multimorbidity and associations with health service use, long-term prescribing, years of life lost, and mortality: A cross-sectional study using clustering in the UK Clinical Practice Research Datalink. PLOS Med 2023;20(10):e1004300. doi: 10.1371/journal.pmed.1004300
Sathanapally H, Sidhu M, Fahami R, et al. Priorities of patients with multimorbidity and of clinicians regarding treatment and health outcomes: a systematic mixed studies review. BMJ Open 2020;10(2):e033445. doi: 10.1136/bmjopen-2019-033445
Boehmer KR, Gallacher KI, Lippiett KA, et al. Minimally Disruptive Medicine Progress 10 Years Later. Mayo Clin Proc 2022;97(2):210–20. doi: 10.1016/j.mayocp.2021.09.003
Gray DJP, Sidaway-Lee K, White E, et al. Continuity of care with doctors—a matter of life and death? A systematic review of continuity of care and mortality. BMJ Open 2018;8(6):e021161. doi: 10.1136/bmjopen-2017-021161
Witham MD, Aithal GP, Collinson M, et al. Interventions to prevent and treat multiple long-term conditions and their consequences across the life course: concepts and definitions. BMC Med 2026;24(1):228. doi: 10.1186/s12916-026-04838-4
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. S3-Leitlinie Multimorbidität - Living Guideline (MULTImprove), AWMF-Register-Nr. 053-047, Version 4.0. 2025. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/053-047 (accessed 3 Jul 2026).
Haut Conseil de la santé publique (HCSP). Avis relatif aux boissons en complément du rapport «Recommandations pour l’élaboration du 5e Programme National Nutrition Santé (PNNS)». 2025. https://www.vie-publique.fr/files/rapport/pdf/302325.pdf (accessed 2 Jul 2026).
Ministre de la Santé, des Familles, de l’Autonomie et des Personnes handicapées. Programme National Nutrition Santé (PNNS) 2026 - 2030. https://sante.gouv.fr/IMG/pdf/pnns_5_2026-2030.pdf (accessed 2 Jul 2026).
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