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Die fabelhafte Welt der Primärversorgung – und die deutsche Scham
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Die fabelhafte Welt der Primärversorgung – und die deutsche Scham

Reisetagebuch WONCA Europe Paris 2026, Tag 4 et c'est tout!

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. Die fabelhafte Welt der Primärversorgung – und die deutsche Scham. EvidenzUpdate 2026;7:197. doi: 10.69156/POD.001/2026.07.00197

C’était merveilleux! Und aus dem Samstag ist der Montag geworden. Pardon! Hier kommt nun unsere finale WONCA-Episode, die wir Freitagabend aufgezeichnet hatten. Vier Tage WONCA Europe, acht Reise-Episoden, ein Kongress mit großen Werten und einem sehr aufschlussreichen Widerspruch. Plus: zwei WHO-Reden mit viel Dezibel und wenig Schwingung. Und dazu die etwas bittere Erkenntnis, wie klein Deutschland auf der Weltkarte der Allgemeinmedizin ist.

Spoiler: Für alle, die noch über Reiseziele im kommenden Jahr nachdenken, gibt es online Infos zur 31st WONCA Europe Conference, vom 9.–12. Juni 2027 in Ljubljana, und zur 26th WONCA World Conference, vom 3.–7. November 2027 in Cape Town.

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode: folgt die Tage

Das neue Plus: Ab sofort könnt ihr uns via SMS erreichen und direkt eure Gedanken senden: +49-158-886-414-80. Via Telegram sind wir auch schon erreichbar. Dort freuen wir uns gerne auch über Sprachmemos. An WhatsApp und Co arbeiten wir.
Und via E-Mail geht es nach wie vor auch: podcast@evidenzupdate.de

Unser Gespräch in Kürze

🧒 Der Widerspruch des Kongresses

Freitagnachmittag: In einer randvollen Oral-Communication-Session (mit den üblichen sieben mal fünf Minuten) stranden wir mitten in einen ADHS-Vortrag: DSM-5-Definition, „häufigste Entwicklungsstörung“, deutlich unterdiagnostiziert, dringend Bedarf an schnellen Hausarzt-Tools, und (die eigentliche Pointe) 18 Monate Wartezeit bis zum ersten Facharzttermin in Frankreich.

Und dann? Früh diagnostizieren, früh Medikament, Problem gelöst? Hier bricht die Konferenz für uns in sich zusammen, mindestens aber tritt ein deutlicher Widerspruch auf: Vier Tage haben alle „Complexity“, „Population“ und „Values“ hochgehalten. Aber ausgerechnet beim Grundschulkind, das zu Hause und in der Schule aneckt, dessen Eltern nervlich am Stock gehen, war die Komplexität plötzlich weg. Ein familienmedizinisches Problem per 5-Minuten-Vortrag plattgewalzt.

Immerhin: Die Session war brechend voll. Der Pädiatrie-Bedarf in der Primärversorgung ist deutlich sichtbar.

📱 Die Oma und das Smartphone

Teil dieser Childhood-Development-Session, in die wir zum Schluss hineingeplatzt waren, gibt es außerdem noch über eine französische Studie, die eine starke Assoziation zwischen häufiger, langer Touchscreen-Nutzung bei Kleinkindern und der Betreuung durch die Großeltern fand. Kontraintuitiv? Nur bis man einmal Eltern fragt. Oder? Wir hängen die Studie zum Selberdenken hier an.1

🎤 WHO mit viel Dezibel

Closing-Keynote, angesetzt 15:00 Uhr, gestartet 15:09, im brechend vollen Amphithéâtre Bleu (826 Plätze). Per Video zugeschaltet: Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, mit dem großen Begriffs-Bingo: Primary Care als Eckstein, „the future is team-based care“. Dann, live und in voller Lautstärke: Pavlos Theodorakis (ebenfalls WHO), inhaltlich extrem abstrakt: humanitäre Krise, fraktioniertes System, mentale Gesundheit, Ruf nach einer neuen Allianz, die die Lücke zwischen globalen Gesundheitszielen und der Clinical Practice schließen soll.

Das erinnert uns an das alte WHO-NCD-Ziel „25 by 25“. Und es erinnert dann doch auch daran, dass die Medizin all das nicht alleine wird stemmen können. Es sind schlicht Public-Health-Aufgaben. Siehe bzw. höre dazu auch:

Ein fairer Einwand: WHO-Redner haben Interessen: die USA sind als Geldgeber weg, die Existenzfrage der WHO steht im Raum, sie bangt zu Recht um ihre Rolle. Das ist völlig legitim und kann gewisse Dezibel erklären.

Dennoch: Nach vier feinen, gut gelaunten und doch motivierenden Kongresstagen sollte man einen 800-Leute-Saal am Ende heben, nicht runterreden. Merke, liebe Kongresskomitees dieser Welt: Wer zuletzt ans Mikro darf, entscheidet über die Grundstimmung.

🌍 Deutschland als Fußnote

Was nehmen wir von der Konferenz mit? Weltweit herrschen Aufbruchstimmung, progressiver Geist, positive Erzählungen, viele Role Models. Der Kontrast zur Bundesrepublik: Während anderswo die Allgemeinmedizin forscht und gestaltet, will die deutsche Politik gerade die Tele-AU wieder abschaffen. Deutschland spielte auf diesem (zugegeben sehr französischen) Kongress fast keine Rolle; die deutschen Speaker bekommt man an vier Händen zusammen.

Immerhin war eine deutsche Arbeitsgruppe war für einen Paper-Preis nominiert.2

Merci, Paris!

Ein Arbeitsnachweis

Literatur

1

SERMAN F, CAUET C, MESSAADI N, et al. Exposition aux écrans tactiles chez les enfants de moins de 3 ans. EXERCER 2025;36(217):388–96. doi: 10.56746/exercer.2025.217.388

2

Schmalstieg-Bahr K, Bessert B, Peters P-S, et al. General Practice-led urgent care practice vs. emergency room – satisfaction of ambulatory patients with low urgency medical problems. Eur J Gen Pract 2025;31(1):2520218. doi: 10.1080/13814788.2025.2520218

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