Bonjour! (Den Rest sparen wir uns erstmal.) Eigentlich wollten wir an Tag 3 über Multimorbidität und Telemedizin sprechen. Doch dann platzt eine Nachricht aus Berlin in die heile Pariser WONCA-Kongresswelt: Der Koalitionsausschuss der deutschen Bundesregierung will die telefonische Krankschreibung abschaffen, die Tele-AU. Was macht der Professor? Sammelt kurzerhand zwei Special Guests ein: Karen Voigt und Andy Maun. Damit wir aus Paris über Berliner Unfug sprechen. Willkommen zur Sonderepisode. (P.S.: Im Moment können wir keine neuen Artikel-Bylines hinzufügen, deswegen fehlen beide Gäste in der Autorenzeile; das beheben wir rasch.)
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode, nämlich das mit viel Liebe von einem Menschen handgemachte Transkript, liefern wir die Tage hinter, ebenso wie den DOI.Noch der Paris-Disclaimer: Diese Episoden sind echte Quick-Takes. Deswegen gibt es keine Kapitelmarken. Bitte verzeiht auch, wenn der Sound nicht ganz optimal ist und nicht jedes Ähm oder jede merkwürdige Dopplung eliminiert ist.
Das neue Plus: Ab sofort könnt ihr uns via SMS erreichen und direkt eure Gedanken senden: +49-158-886-414-80. Via Telegram sind wir auch schon erreichbar. Dort freuen wir uns gerne auch über Sprachmemos. An WhatsApp und Co arbeiten wir.
Und via E-Mail geht es nach wie vor auch: podcast@evidenzupdate.de
Unser Gespräch in Kürze
🗞️ Während die Welt Telemedizin 2.0 macht …
… dreht Deutschland auf Version 0.5 zurück. Passenderweise saßen wir vorher in der Telemedizin-Session: Slowenien optimiert ein längst etabliertes System, Georgien erreicht damit vorher kaum versorgte Patient:innen, Malaysia berichtet von mehr Kommunikation und Vertrauen. Nirgends, fast nirgends, auf der Welt wird die Telemedizin grundsätzlich infrage gestellt.
Und dann, kaum aus dem Saal, die Breaking News aus Berlin: Deutschland will das Telemedizin-Rad zurückdrehen, zumindest bei der Tele-AU. Der Koalitionsausschuss von CDU/CSU und SPD im hat getagt. Und in Ziffer 11 des Ergebnispapiers mit dem bemerkenswerten Titel „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“1 stehen diese Sätze (Hervorhebungen von uns):
Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft und die unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach § 278 StGB (Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse, Anm.) stärker bestraft.
Wir führen eine verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag der Erkrankung sowie im Rahmen der Umsetzung des Primärarztgesetzes eine „Termingarantie Fachärzte“ ein.
Darüber hinaus etablieren wir eine gesetzlich geregelte Infarktvorsorge.
Karen Voigt (Leiterin Forschung im Bereich Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Lausitz in Cottbus, stellv. Sprecherin der DEGAM-Sektion Leitlinien & Qualitätsförderung) und Andy Maun (Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Uniklinikum Freiburg und Hausarzt mit langjähriger Schweden-Erfahrung) gerieten spontan mit hinein.
Also ein spontanes Berlin-Gespräch zu viert aus Paris.
🤒 Warum das ein „gedanklicher Kurzschluss“ ist
Die Zahl der Fehltage im Blick zu haben, ist legitim. Aber einfach die Hürde zu erhöhen und alle ab Tag 1 in die Praxis zu zwingen, ist der Kurzschluss. Zum Vergleich: In Schweden braucht es das ärztliche Attest erst ab dem achten Tag. Dort wird die Selbsteinschätzung den Menschen zugemutet.
Und als die Telefon-AU eingeführt wurde, zeigten die Daten gerade keinen nennenswerten Missbrauch (ein Befund, den in der aktuellen Debatte übrigens auch Stimmen aus SPD und Grünen betonen).23
Was stattdessen droht: volle Wartezimmer als Infektionsdrehscheibe. Der starke Infekt oder die Magen-Darm-Grippe sitzt neben den alten Chronikern. „Epidemietreiber Hausarzt“, „Infektionsprävention durch gemeinsames Warten“. Willkommen, RSV, Influenza, Covid, Norovirus.
Und: Regionen mit drohender Unterversorgung, Hausärztinnen und Hausärzte mit über 1.000 Fällen pro Quartal, bald wegfallende Praxen. Wenn jetzt die Akutfälle hineinströmen, was bedeutet das für der Versorgung der Chronikerinnen, für die Gesundheit des Praxisteams?
Und der soziologische Punkt: Warum traut man den Menschen nicht zu, einen Schnupfen selbst einzuschätzen und ein, zwei Tage zu Hause zu bleiben? Der Jena Soziologe Hartmut Rosa beschreibt eine Bevölkerung, die sich zunehmend abgehängt fühlt. Vielleicht baut so eine Maßnahme genau diesen Abstand weiter aus.
🌍 Der Blick über den Tellerrand
Aus der Systemvergleichs-Session beim WONCA: Der Hausärztemangel eint fast alle Länder. Nur reagiert Deutschland hier nicht mit einer konstruktiven Antwort, sondern verschärft das Problem noch. Dabei zeigt die internationale Evidenz, dass Gesundheitssysteme mit starker Primärversorgung insgesamt günstiger laufen. Man müsste die Hausarztpraxen in ihren Kerntätigkeiten also stärken, statt sie zu Formularausfüllern zu machen. Stichwort Time Needed to Treat und kluge Priorisierung der knappen ärztlichen Zeit.
Frankreich hat bei kaum mehr Bevölkerung doppelt so viele Hausärztinnen und Hausärzte; bei uns wirkt die Hausarztmedizin dagegen wie eine Verfügungsmasse.
Die Botschaft: über den Tellerrand schauen, intelligente Modelle abschauen, die deutsche Überheblichkeit ablegen und es mal mit einem positiven Menschenbild versuchen.
🫀 P.S.: Das „Herzgesetz“ ist zurück
Und noch eine Pointe: Laut dem Papier ist eine „gesetzlich geregelte Infarktvorsorge“ geplant. Sprich: Das totgeglaubte Gesunde-Herz-Gesetz ist offenbar über das Kanzleramt zurück. Wir fangen bei null an. Na, herzlichen Dank. Kompensiert man so den letzten Platz im Public-Health-Vergleich? Indem alle Statine bekommen? Kleiner Rückgriff auf die EbM-Kontroverse beim WONCA: „Sie haben keine Muskelschmerzen, das zeigt die neueste Meta-Analyse.“ Dann ist ja alles gut.
🔮 Cliffhanger
So viel zur Sonderausgabe. Das eigentliche Programm von Tag 3 (Multimorbidität und Telemedizin 2.0) holen wir in der nächsten Folge nach. Bis dann.
Literatur
Bundesregierung. Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung. Ergebnisse des KoalitionsausschussesEin Programm. 2026. https://www.bundeskanzler.de/resource/blob/1832584/2445592/bc8e5e160d879f0bdd593121a96a45d2/2026-07-02-koaausschuss-data.pdf?download=1 (accessed 2 Jul 2026).
Hildebrandt S, Nguyen TH. Krankheitsbedingte Fehlzeiten im europäischen Vergleich, Kurzbericht für die DAK-Gesundheit. IGES Institut 2025. https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/88938/data/e97f6edd56500bf7009e421662f5d401/250127-download-studie-krankenstand-2024.pdf
Grabka MM, Breer O. Anstieg der Fehlzeiten im Jahr 2022 liegt nur bedingt an elektronischer Krankschreibung. DIW Wochenbericht 2026;(20):299–307. doi: 10.18723/diw_wb:2026-20-1













