Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. Wenn Neutralität zur Selbstzensur wird – und Medizin vor der Politik kuscht. EvidenzUpdate 2026;7:198. doi: 10.69156/POD.001/2026.07.00198
Eine medizinische Fachgesellschaft lässt von der Polizei den Chefredakteur ihrer eigenen Fachzeitschrift aus dem Saal führen – weil er ein Editorial verteilt, das in ebendieser Zeitschrift erschienen ist. Klingt wie Satire? Ist aber Anfang Juni in New Orleans passiert, bei der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA). Der Vorfall hat für viel Entrüstung gesorgt, Funktionäre sind zurückgetreten, am Ende kam so etwas wie eine Entschuldigung per Video. Die Autoren haben ihr Ziel erreicht: Öffentlichkeit. Die ADA hat einen Skandal. Und alle fragen: Kuscht jetzt sogar die US-Medizin vor Donald Trump?
Über allem steht aber die Frage: Müssen wissenschaftliche Fachgesellschaften eigentlich „überparteilich“ oder gar „apolitisch“ sein? Können sie das überhaupt? Das besprechen wir in dieser Episode. Spoiler: Nein. (Aufgezeichnet haben wir übrigens am 29. Juni, einen Tag, bevor es für uns nach Paris ging.)
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
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Und für alle mit Sprungfaible hier die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro
00:01:48 Hörerpost: Innofonds kaputt?
00:06:48 Was in New Orleans passiert war
00:12:13 Eine Kongress-Posse
00:15:06 Was die ADA hätte anders machen können
00:19:05 Autoritativ Machtausübung
00:21:28 Muss eine Fachgesellschaft unpolitisch sein?
00:24:56 Sollte Forschung aktivistisch sein?
00:30:38 Die Schere im Kopf
00:35:23 Was können wir lernen
Unser Gespräch in Kürze
📮 Hörerpost: 100 Millionen am falschen Ende?
Passen zu diesem Thema hat uns ein Hörerbrief erreicht: Der kritisiert die im jüngst beschlossenen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorgesehene Kürzung der Mittel im Innovationsfonds. Statt bislang 200 Millionen Euro soll der Fonds künftig nurmehr 100 Mio. Euro Fördervolumen haben. Die Frage des Hörers: Sind diese 100 Millionen am falschen Ende gespart?
Klare Antwort: Ja. Denn damit werden unabhängiger Leitlinienarbeit, unabhängiger Versorgungsforschung und der Erprobung neuer Versorgungsideen die Mittel reduziert. Das kritisiert auch die neue Unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschuss’ (G-BA) Dr. Sonja Optendrenk.1
Allerdings: Im Innovationsfonds steckt ein kleiner Webfehler. Denn er ist von der Denke her auf Innovation geeicht. Optendrenks Vorgänger im G-BA, Josef Hecken, sprach einmal von „Flugzeugträgern“,2 von systemverändernden Innovationen, die es brauche, um den Fonds zu rechtfertigen.
Dahinter liegt ein zu enger Innovationsbegriff. Innovation kann auch heißen, etwas besser zu verstehen und es deshalb wegzulassen. „Less is more“ ist eben auch Innovation: bürokratische Entschlackung, das Streichen einer obsoleten, nicht evidenzbasierten oder gar nachweislich schädlichen Maßnahme.
Und das bringt uns nach New Orleans, denn dort ging es um ein ähnliches Thema.
🎬 Was in New Orleans geschah
Ein Disclaimer vorweg: Wir waren nicht selbst vor Ort, wir sind keine Augenzeugen, sondern stützen uns auf die Berichterstattung,345 darunter auch dieses Video:
Es ist Freitag, der 5. Juni 2026. Im Ernest N. Morial Convention Center in New Orleans finden die 86. Scientific Sessions der American Diabetes Association (ADA). Laut ADA-Angaben sind dort rund 12.000 Teilnehmende, es soll der weltgrößte Diabetes-Kongress sein. Am Vormittag soll eine Keynote stattfinden mit dem Titel „The Future of Diabetes – NIH’s Vision for Transforming Diabetes Research in the Next Generation“. Geplanter Redner: Jay Bhattacharya, der neue (18.) Direktor des nationalen Gesundheitsinstituts NIH. Er sagt allerdings kurzfristig ab, offiziell wegen eines Termins bei US-Präsident Donald Trump. Für ihn springt Richard „Rick” Woychik ein, Senior Advisor des NIH-Direktors für die „Make America Healthy Again“-Strategie (MAHA).
Noch bevor die Keynote anfängt, verteilen einige Kongressteilnehmer gedruckte Kopien eines Editorials, das kurz zuvor in der ADA-Organzeitschrift Diabetes Care erschienen ist.6 Darin kritisieren die vier Autoren Steven Kahn, Cheryl Anderson, John Buse und Elizabeth Selvin die geplanten Einschnitte der Trump-Administration in die NIH-Förderung. Schon im Titel ist von der „Zerstörung“ der biomedizinischen Forschung die Rede.
Konkret geht es um Stellenabbau, politisierte Besetzung von Beratungsgremien, drastisch weniger Förderausschreibungen (NOFOs) und ein 2027 um rund 5 Mrd. US-Dollar schrumpfendes NIH-Budget (von derzeit etwa 47 Mrd.). Kahn wollte, so berichtet er, rund 1.000 Kopien verteilen.7
Einer der Verteilenden ist eben jener Steven Kahn, Chefredakteur von Diabetes Care. An seiner Seite unter anderem Desmond Schatz, ein früherer ADA-Präsident. Dann kommen Sicherheitskräfte, offenbar auch Beamte der örtlichen und der Louisiana State Police, und führen die Gruppe hinaus.
Das Video oben zeigt, wie ein Mann in Zivil Kahn die Kopien aus der Hand reißt; es gibt auch eine kleine Übergriffigkeit zu sehen. Die Betroffenen – die Presse tauft sie später die „New Orleans Five“ – müssen ihre Kongress-Badges abgeben und erhalten faktisch Hausverbot; bei Wiederbetreten soll ihnen mit Festnahme gedroht worden sein. Festgenommen wird allerdings niemand. Im Video sagt einer der Betroffenen: Das sei Zensur, „censorship“. Und das in den USA, im Land of the Free.
🧯 Zensur, Hausrecht oder Verhältnismäßigkeit?
Der Zensurvorwurf ist, mit Verlaub, Quatsch. Die Meinung wurde ja längst veröffentlicht, sie steht nach wie vor in Diabetes Care, sie wurde also nicht unterdrückt.
Und vergleiche dazu den Streisand-Effekt (hier nur im Blutzuckermäntelchen): Der Eklat hat dem Editorial letztlich krass mehr Aufmerksamkeit verschafft, als es je bekommen hätte. Was passiert ist, war ein, maximal ungeschickt durchgesetztes, Hausrecht gegen das Verteilen von Material im Saal. Das ist kategorial etwas anderes als Zensur.
Der eigentliche kritische Punkt ist die Verhältnismäßigkeit. Wer Wissenschaftler (egal, ob nun Herausgeber oder einst Funktionsträger) wegen eines erschienenen, wissenschaftspolitisch kritischen Editorials vom eigenen Kongress entfernen lässt, betreibt keine schlichte Hausordnung mehr, sondern einen symbolischen Akt.
Die ADA hätte souveränere Optionen gehabt: kurzfristig ein Diskussionsforum einrichten; höflich um Verteilung an anderer Stelle bitten; oder klarstellen, dass man als Organisation parteipolitisch neutral bleibt, die Auswirkungen der Forschungspolitik auf die Diabetesversorgung aber selbstverständlich diskutiert.
Stattdessen wollte man kontrollieren und erntete Kontrollverlust; man wollte Nonpartisanship demonstrieren und wirkte politisch eingeschüchtert.
Lehrsatz für andere alle Fachgesellschaften: Ein Konflikt lässt sich nicht dadurch lösen, dass man ihn aus dem Gebäude begleitet.
Dazu passt, wie dilettantisch die Begründung nachgereicht wurde. US-Autoren haben das in Timelines minutiös nachgezeichnet:8 Binnen zwei Tagen wechselte die ADA ihre Rechtfertigung, erst die Hausordnung (Materialverteilung nur mit Vorab-Genehmigung, nur in der Exhibit Hall), dann das Steuerrecht (als gemeinnützige 501(c)(3)-Organisation wahre man „a strictly nonpartisan environment“). Dieser Begründungs-Drift verrät: Man wusste selbst nicht so recht, warum.
Und noch eine Ebene – die journalistische: Kahn ist nicht nur Forscher und Internist, sondern Chefredakteur eines nicht ganz unwesentlichen Journals. Lässt eine Fachgesellschaft den eigenen Chefredakteur von der Polizei abführen, beschädigt sie die redaktionelle Unabhängigkeit ihres Journals. Und im Zweifel ihre eigene.
Vor allem aber ist es ein Symbol für etwas, das 2026 en vogue scheint: autoritative Machtausübung. Neu ist das in den USA nicht, aber vor dem Hintergrund der ICE-Bilder bekommt es eine andere Aktualität. Und es ist das eigentliche Problem: dass eine Fachgesellschaft in einem sich autoritär verändernden System keinen demokratischen Kontraimpuls setzt, sondern die Kultur mitspielt.
⚖️ Überparteilich heißt nicht apolitisch
Damit sind wir bei der großen Frage: Wie politisch dürfen zivilgesellschaftliche Organisationen sein? In den lesenswerten Beiträgen stehen sich zwei Positionen gegenüber:
Aufgabe der Wissenschaft sei, Daten und Wahrheit zu liefern; Entscheidungen treffe die Politik. Würden Forscher zu Aktivisten, drohe Tunnelblick.9
Die Vorstellung, Politik habe in einem medizinischen Journal nichts verloren, sei unhaltbar. Politische Entscheidungen beeinflussen Gesundheitsergebnisse oft stärker als klinische. Aktivismus sei sogar „notwendig“, um wissenschaftliche Freiheit zu schützen.10
Unser Standpunkt: Evidenz ersetzt nicht Politik. Sie informiert Entscheidungen, sie trifft sie nicht allein. Deshalb ist „Follow the science“ ein zweischneidiges Schwert: Zu oft heißt es faktisch „Follow the scientific Eminence“ statt „the scientific Evidence“.
Die Politik muss Werte, Ressourcen, Prioritäten und Zielkonflikte verhandeln; die Wissenschaft hilft ihr dabei. Umgekehrt darf die Politik Eingriffe in Forschungsstrukturen nicht als folgenlose Verwaltungsakte verkaufen. Verschwinden Förderlinien, ändern sich Begutachtungsprozesse, werden Einrichtungen verunsichert, trifft das die Evidenz von morgen.
Auch hierzulande gilt übrigens: Gemeinnützige Organisationen (§§ 51 ff. AO) dürfen sich nur im Rahmen ihres Satzungszwecks „allgemeinpolitisch“ äußern (vgl. BFH-„Attac“-Entscheidung von 2019). Privatpersonen dagegen dürfen sich völlig frei äußern, auch politisch, auch auf einer Tagung einer gemeinnützigen Organisation. Diese Trennung muss man immer mitdenken.
Fürs Fach übersetzt heißt das: Fachgesellschaften müssen parteipolitisch unabhängig, aber wissenschaftspolitisch handlungsfähig bleiben. Forschungsförderung, Leitlinien, Versorgungsgerechtigkeit, Public Health, Wissenschaftsfreiheit etc. sind politische Themen, aber nicht zwangsläufig parteipolitische.
🧱 Von der Kongressposse zur Brandmauer
Das führt zum unbehaglichen Kern der Causa, dem Vorwurf der Schere im Kopf: Die New Orleans Five warfen der ADA vor, sie habe so gehandelt, weil sie sich nicht mit Donald Trump anlegen wolle. Beweisen lässt sich das nicht, plausibel ist es.
Beunruhigend ist die Häufung von Situationen, in denen im vorauseilenden Gehorsam zur Selbstzensur gegriffen wird.11 Wo Angst anfängt, wie ein Diktat zu wirken. Kommunikativ war der Fall fast lehrbuchhaft: Die ADA wollte einer politischen Kontroverse ausweichen und landete mitten in ihr.
Wer ein wissenschaftliches Editorial mit Security beantwortet, darf sich nicht wundern, wenn danach alle über Wissenschaftsfreiheit reden.
🏛️ Was am Ende geschah …
Nach dem Eklat kam einiges in Bewegung: eine Change.org-Petition mit mehreren Tausend Unterschriften, ein Solidaritäts-Walkout („We stand with science“), Briefe von 45 früheren ADA-Präsidenten und -Vorständen.12
Am 8. Juni trat President-Elect Jennifer Green zurück (neben weiteren Funktionsträgern).
Am 10. Juni folgte ein Entschuldigungsvideo von ADA-CEO Charles „Chuck“ Henderson, der eine unabhängige Prüfung ankündigte.1314
Für diese „Pseudo-Entschuldigung“ gab es prompt wieder Kritik.1516
Der US-Kardiologe John Mandrola bringt es lakonisch auf den Punkt: Das Ganze sei schlicht „dumm“ gewesen, von allen Beteiligten. Aber aus dummen Dingen kann man lernen.
… und was bleibt
Was nehmen wir mit?
Der Zensurvorwurf trägt nicht, wohl aber die Erkenntnis, dass die ADA eine schlechte Antwort auf eine völlig legitime wissenschaftspolitische Kontroverse gegeben hat. Fachgesellschaften brauchen Regeln, vor allem aber Raum für Dissens.
Auf die jeweils eigenen Fachgesellschaften übertragen: überparteilich bleiben, aber die Grundlagen guter Wissenschaft und guter Versorgung klar verteidigen. Und kompromisslos werden, wenn es an die Grundwerte geht: an die freiheitlich-demokratische Grundordnung, an die Grundregeln des Humanismus. Da muss eine Fachgesellschaft Flagge zeigen.
Ein bisschen ermutigend: Die Posse zeigt, dass die USA noch ruckfähig sind. Das Wort, das dabei im Kopf bleiben sollte, heißt Integrität.
Ach, und wer sich noch für den 2008er Review mit Metaanalyse von Martin Scherer interessiert, wird mit dieser Fußnote fündig.17
Literatur
Neue Vorsitzende Optendrenk: „Rahmenbedingungen für eine effektive Projektförderung werden schwerer“ - Gemeinsamer Bundesausschuss. Gemeinsamer Bundesausschuss. 2026. https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1347/ (accessed 13 Jul 2026).
Der 300-Millionen-Topf: Innovationsfonds soll neue Impulse für die Versorgung liefern. Gerechte Gesundheit 2015;(31):8–10. https://www.gerechte-gesundheit.de/fileadmin/user_upload/module/newsletter/08-2015-Gerechte-Gesundheit.pdf
Tanne JH. Trump: Diabetes doctors ejected from conference for handing out paper criticising US administration. BMJ2026;393:e511576. doi: 10.1136/bmj-2026-511576
Blum D. Police Remove Diabetes Experts From Conference for Distributing Critique of Trump Administration. The New York Times. 2026. https://www.nytimes.com/2026/06/05/well/ada-conference-diabetes-trump.html
Fiore K, Monaco K. Video: Police Tussle With Diabetes Experts at ADA Meeting. MedPage Today. 2026. https://www.medpagetoday.com/special-reports/exclusives/121619
Kahn SE, Anderson CAM, Buse JB, et al. Misguided Brushes of a Pen Continue to Dismantle and Destroy Biomedical Research in the United States: We Can No Longer Afford Complacency and Fear. We Must All Act Now! Diabetes Care 2026;49(6):901–5. doi: 10.2337/dci26-0068
Abbasi K. The case of the American Diabetes Association: compromising editorial independence is bad for the society and the journal. BMJ 2026;393:e100027. doi: 10.1136/bmj-2026-100027
Lutton L. From ejection to apology: The ADA controversy’s timeline of events. Managed Healthcare Executive. 2026. https://www.managedhealthcareexecutive.com/view/from-ejection-to-apology-the-ada-controversy-s-timeline-of-events (accessed 15 June 2026).
Prasad V, Cifu A, Mandrola J. The American Diabetes Association Threw Out Researchers for Passing Out Their Editorial. Sensible Medicine. 2026. https://www.sensible-med.com/p/the-american-diabetes-association (accessed 12 June 2026).
Nathan DM. American Diabetes Association controversy: Activism is necessary to protect scientific freedom. BMJ 2026;393:e555118. doi: 10.1136/bmj-2026-555118
The Editors. The OMB and the Politicization of Science. N Engl J Med 2026;395(2):187–8. doi: 10.1056/nejme2608017
Fiore K, Monaco K. Leaders Resign From ADA After Experts Booted From Meeting. MedPage Today. 2026. https://www.medpagetoday.com/special-reports/exclusives/121657
Monaco K, Fiore K. Video: ADA Leader Apologizes to Researchers Ejected From Meeting. MedPage Today. 2026. https://www.medpagetoday.com/special-reports/features/121701
Diabetes society apologizes after removal of Trump protesters from conference sparks outrage. AAAS Artic Group Published Online First: 9 June 2026. doi: 10.1126/science.ztuq6h8
Hirsch IB. The New ADA: I Prefer the Old One. Medscape. 2026. https://www.medscape.com/viewarticle/new-ada-i-prefer-old-one-2026a1000l92 (accessed 26 June 2026).
Cooney E. Diabetes Association in uproar after members expelled from annual meeting over protest of NIH cuts. STAT. 2026. https://www.statnews.com/2026/06/09/american-diabetes-association-uproar-over-expulsion-of-members/
Blozik E, Scherer M. Skin Replacement Therapies for Diabetic Foot Ulcers. Diabetes Care 2008;31(4):693–4. doi: 10.2337/dc07-2081














