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Nößler D, Schübel J, Scherer M. Der Schallkopf als Schutzschild: Wie viel Sonografie braucht die Schilddrüse?. EvidenzUpdate 2026;7:199. doi: 10.69156/POD.001/2026.07.00199
Glück auf! Es gibt da ein kleines, schmutziges Geheimnis in Deutschlands Praxen: Dort werden Schilddrüsen geschallt, dass es kracht, Schilddrüsen, von denen wir wissen, dass man sie eigentlich in Ruhe lassen sollte. Und manche werden ausgerechnet deswegen geschallt, um Überversorgung zu verhindern. Wie bitte?
Über dieses Paradoxon reden wir heute mit Jeannine Schübel, konkret am Beispiel Schilddrüse, weil es dazu eine neue S3-Entwöhnungsleitlinie gibt,1 und allgemein über gegen Überdiagnostik. Mithin also: die Kunst des klugen Unterlassens, bei dem manchmal eben ein Schallkopf helfen kann.
Spoiler: In diesem unseren Gespräch wird die Schilddrüse zum Mockup-Organ. Wir zeigen: Quartärprävention meint nicht „weniger Medizin aus Sparsamkeit“. Sondern, dass bewusstes Unterlassen keine Passivität ist, es ist eine hochaktive ärztliche Leistung. Sie braucht Wissen, Begründung, Kommunikation und Dokumentation. Und noch ein Spoilerchen: Der Nachweis eines (Schilddrüsen-)Karzinoms ist noch kein Beweis für den Nutzen seiner frühen Entdeckung.
Plus für alle hier, die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
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Und für alle, die gerne im Hyperschall hören, hier die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro
00:01:35 Wer ist Jeannine Schübel?
00:03:13 Warum Schilddrüse?
00:06:28 Die S3-Leitlinie Schilddrüsenknoten
00:11:00 Wie Konsens gelingen kann
00:14:19 Quartärprävention
00:16:22 Die Leitlinien-Essentials
00:19:19 Ultraschall zur Schadensbegrenzung
00:26:06 Schon kurz gucken kann nach hinten losgehen
00:29:58 Unter Protest gegen die Beweislast
00:40:35 Evidenz-Check: L-Thyroxin absetzen
00:49:43 Evidenz-Check: Diagnostik-Kaskade
00:52:19 Evidenz-Check: Überdiagnostik durch GLP-1-RA
00:55:10 Evidenz-Check: Übersehene Schilddrüsen-Karzinome
01:00:07 Ein Punkt, ein Mutmacher
01:02:58 Wann kommt die TSH-Leitlinie?
Drei Evidenz-Quickies
Neue Arbeiten, die zeigen, wie aus dem einzelnen Schallkopf ein bevölkerungsweites Problem werden kann. Die RELEASE-Studie2 zum Absetzen von Levothyroxin sparen wir uns hier: Die haben wir im Detail schon im Evidenz-Quickie der KW 153 auseinandergenommen. Kurzfassung: Rund jede Vierte über 60 kann Levothyroxin absetzen, bei ≤50 µg/d fast zwei von dreien. Das soll jetzt im DELTA-RCT (siehe Podcast-Gespräch) kontrolliert untersucht werden.
Hier die drei Arbeiten, die wir zusätzlich besprechen (Warkentin et al.,4 Raghunathan et al.5 und Issa et al.6) zusammengefasst:
Unser Gespräch in Kürze
🧩 Eine Leitlinie ohne Helmpflicht
Wir steigen bei der fast brandneuen S3-Leitlinie ein, mit Karen Voigt und Jeannine Schübel als federführenden Autorinnen. Die hat es sogar schon in eine Deutschlandfunk-Interview geschafft.7 Und weil die Details und Empfehlungen schon ausführlich im Studienlage-Podcast besprochen wurden,8 fahren wir mit der Rolltreppe eine Etage höher.
Zunächst überrascht uns der Leitlinien-Prozess: Wir hätten Knieschützer und Helm vermutet, am Start waren alle relevanten Fachgesellschaften und Patientenvertretungen. Tatsächlich war die Konsensfindung erstaunlich konstruktiv. Der Gelingensfaktor, sagt Jeannine Schübel: erst Verständnis schaffen.
Geholfen hat wohl eine kleine Präsentation zu Beginn: Sie machte die unterschiedlichen „Blasen“ (für die jüngere Generation: Bubbles) sichtbar. Wie selten sieht eine Hausärztin einen Schilddrüsenknoten? Wie rar sind Karzinome? Warum ist eine kluge hausärztliche Vorselektion für alle sinnvoll?
Der entscheidende Punkt: Man muss die Versorgungssituationen explizit trennen. Was im tertiären Zentrum richtig ist, kann in der Hausarztpraxis grundfalsch sein, und ist es meistens auch.
Eine Lektion: Fortschritt war lange automatisch mit „mehr“ verknüpft, mehr Diagnostik, mehr Technik, mehr Intervention. Diese Leitlinie weist über die Schilddrüse hinaus und handelt von der Fähigkeit eines Gesundheitssystems, sich selbst zu begrenzen. Und auf einmal wird Quartärprävention910111213 zum Prinzip viele Fachgebiete.
Nicht zuletzt ist sie ein Kommunikationswerkzeug: Wer heute erklärt, warum ein Zufallsknoten nicht weiter eskaliert wird, spricht nicht mehr als einzelner Hausarzt, da spricht eine ganze Fachwelt mit zig Fachgebieten, die nach Sichtung der Evidenz gemeinsam zu diesem Schluss gekommen ist. Das finden wir ziemlich dufte!
🛡️ Der Schallkopf als Schutzschild
Zum Kern, dem Paradoxon. Die Leitlinie ist im Grunde eine Entwöhnungsleitlinie, mit sehr einfachen Empfehlungen:
nicht suchen, nicht sonografieren bei Asymptomatischen;
ein einmal unauffällig geschallter, asymptomatischer Knoten braucht keine weitere Kontrolle;
höchstens einmalig nach drei bis fünf Jahren, wenn die Klinik stabil bleibt, dann ist Schluss.
In der Realität kommen Menschen aber seit 15, 20 Jahren jährlich zur Kontroll-Sono, längst in der Kaskade gefangen. Entwöhnen darf man sich beiderseits.
Nur: „Wenn ich es nicht mache, bin ich schnell kein Faktor mehr in dieser Geschichte.“ (Zitat ist aus dem Studienlage-Podcast.) Mit anderen Worten: Wer als Hausärztin nicht schallt, schickt die verunsicherte Patientin womöglich zur Endokrinologin. Und dort rollt der Zug erst recht los, mit Kontrollterminen, Laborlisten, mehr Schall.
Aus dieser Klemme kann ein sehr gezielter hausärztlicher Ultraschall zur Schadensbegrenzung werden: sauber beschreiben, Sicherheit ausstrahlen (haha!), danach ausdrücklich sagen, dass es das war, und keine jährliche Kontrollspirale starten. Harm Reduction sozusagen.
Mit Eckart von Hirschhausens „Ihr habt zu wenig Magie in der Medizin“ könnte man auch sagen: Der Schallkopf wird zum Ritual, die Untersucher werden zu Zeremonienmeistern eines magischen Aktes, der signalisiert: „Ich nehme dich ernst, ich gucke genau hin, und ich sage dir, dass alles okay ist.“ Ein Begrüßungsfoto also, wie beim klinisch längst klaren Bandscheibenvorfall, den man ohnehin konservativ behandelt. Der Schallkopf ist dann nicht das Eintrittstor in die Überdiagnostik, sondern ein Schutzschild davor.
Wichtig ist die Warnung: Das defensive Selber-Schallen darf nicht die neue Normalität werden. Es ist Plan B, nicht die Regel. Ansonsten wird aus dem Schutz erst die Überversorgung, die man verhindern will, nur eben ins eigene Sprechzimmer geholt.
🗣️ Medizin aus dem Großhirn
Trick 17 gibt es nicht. Was es braucht, ist Kommunikation und Entängstigung. Und ja, die kostet am meisten Zeit. Hilfreich: Schon vor dem Sono ansagen, dass ein Knotenfund das wahrscheinlichste, also das eigentlich normale Ergebnis ist. Das nimmt Druck. Und ehrlich bleiben: Das Versprechen 100-prozentiger Sicherheit wird man nie liefern können.
Dahinter steckt eine kulturelle Schieflage: die Vorstellung, man müssen begründen, warum man eine Untersuchung nicht macht. Eigentlich liegt die Beweislast beim Tun, nicht beim Unterlassen.
Im Gegenteil: Unterlassen ist gar nicht besonders mutig. Es ist eine rationale Entscheidung aus Vortestwahrscheinlichkeit, Nutzen und möglichem Schaden. Mutig wirkt es nur, weil die Versorgungskultur das sichtbare Handeln höher bewertet als die gut begründete Entscheidung dagegen.
Zur Klarstellung, damit hier niemand ins Nihilisten-Bingo kippt: Klare Warnzeichen (Kompressionssymptome, auffällige Lymphknoten, Verdacht auf Autonomie) gehören selbstverständlich in die Diagnostik, inklusive Sono. Unterversorgung ist nicht das Thema. Wer Beschwerden ernst nimmt, Warnzeichen prüft, Risiken verständlich erklärt und einen klaren Plan macht, macht keine Pause von der Versorgung. Das ist einfach kluge Medizin.
🧪 DELTA: Evidenz fürs Weglassen
Studien fürs Nichtstun sind rar und schwer zu finanzieren – hier kommt die Kultur, über die wir reden, überall durch. Umso schöner: Jeannine Schübel startet mit Karen Voigt (Lead Investigator) den DELTA-RCT.14 Nebenbei war Karen Voigt erst jüngst in Paris zu Gast im Podcast.
Ausgangspunkt für den RCT: Bei latenter (subklinischer) Hypothyreose liegt keine Therapieindikation vor, und trotzdem nehmen viele lebenslang niedrigdosiertes L-Thyroxin. Oft weiß niemand mehr, warum es überhaupt einmal verordnet wurde.
Die Eckdaten: doppelblind, placebokontrolliert, randomisiert, multizentrisch, in rund 40 Hausarztpraxen in Dresden, Leipzig und Cottbus. Eingeschlossen werden Erwachsene mit 25 oder 50 µg L-Thyroxin. Dreiarmig:
für die 50-µg-Personen wird schrittweise über 25 µg auf null ausgeschlichen;
dazu eine 25-µg-Gruppe
und eine Placebogruppe.
Verblindet über identisch aussehende, von einer externen Firma hergestellte Studienmedikation. Zielgröße: 400 Teilnehmende (Fallzahlberechnung rund 360).
Primärer Endpunkt ist notgedrungen biochemisch (eine latente Hypothyreose macht ja keine Beschwerden): TSH unter 10 bei normalem fT4, sechs Wochen nach Randomisierung. Follow-up sechs Monate, Beobachtung über ein Jahr. Laufzeit 05/2026 bis 06/2030, gefördert vom BMFTR (FKZ 01KG2511) – dem Ministerium, mit dessen „R“ man bald zum Mond fliegen kann.
Das Denken ist bemerkenswert invertiert: Man will nicht zeigen, dass die Tablette etwas verbessert, sondern dass es ohne Tablette nicht klinisch relevant schlechter wird. Ein Husarenstück nennt das Martin Scherer, so eine Weglassstudie überhaupt bewilligt zu bekommen. Genau die Studien, die wir brauchen, in einem Land, das sich bei klinischer Forschung sonst gern als Schlusslicht bezeichnet.
Flankiert wird DELTA von der niederländischen RELEASE (siehe oben) als Machbarkeitssignal (die niedrigdosierte Gruppe ist eine plausible Zielpopulation) und von der pragmatischen Deprescribing-Übersicht von Maraka und Papaleontiou,15 die Absetzen in ausgewählten Fällen als machbar und sicher einordnet, freilich bei weltweit noch dünner Evidenzlage. Genau die soll DELTA nun in Ostdeutschland ein Stück verdichten.
💶 Wer bezahlt das kluge Unterlassen?
Zum Schluss der Systemblick: Vergütet wird, was sich zählen lässt, Untersuchungen, Vorstellungen, Eingriffe. Ein Schallgerät muss sich refinanzieren, da ist es organisatorisch praktisch, wenn die Leute jährlich kommen. Diese Motivation darf nicht lenken, sie muss aus dem System raus. Auch kluges Weglassen braucht eine Infrastruktur: Die Zeit und die Kompetenz dafür müssen als ärztliche Leistung anerkannt sein. Genau das findet gerade nicht statt.
Die Mutmacher zum Mitnehmen:
Jeannine Schübel: Sehen Sie sich als starke Medizinerin, als starker Mediziner, wenn Sie vermeintlich nur sprechen und heute nicht noch Labor und Sono anleiern, denn genau das ist Ihr Job, und genau so muss gute Medizin funktionieren.
Martin Scherer: Gute Medizin besteht nicht darin, möglichst viele Auffälligkeiten zu entdecken, sondern die wenigen relevanten von den vielen irrelevanten zu unterscheiden. Dafür braucht es weniger Technik und mehr klinisches Urteilsvermögen, und den Mut, dazu zu stehen.
Adé!
Literatur
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). S3-Leitlinie Schilddrüsenknoten bei Erwachsenen in der hausärztlichen Versorgung, Version 1.0, AWMF-Register-Nr. 053-058. Published Online First: 20 March 2026. https://www.degam.de/leitlinie-s3-053-058
Ravensberg J, Gussekloo J, Cessie SL, et al. Discontinuation of Levothyroxine in Adults Aged 60 Years or Older. JAMA 2026;335(17):1491–8. doi: 10.1001/jama.2026.2864
Nößler D. Screening-Unfug, Deprescribing und Weglassen – Evidenz-Quickies KW 15. EvidenzUpdate 2026;7(14). doi: 10.69156/quick/2026.04.00014
Warkentin L, Kühlein T, Tomandl J, et al. Diagnostic and Therapeutic Consequences of Thyroid Ultrasound: A Retrospective Explorative Cohort Study using Claims Data. Das Gesundheitswesen 2025;87(S 03):S357–64. doi: 10.1055/a-2633-5848
Raghunathan R, Jacobs A, Gajic Z, et al. Overscreening of patients on glucagon-like peptide-1 receptor agonists: A second “epidemic” of thyroid cancer overdiagnosis? Surgery 2026;189:109868. doi: 10.1016/j.surg.2025.109868
Issa PP, Munshi R, Albuck AL, et al. Recommend with caution: A meta-analysis investigating papillary thyroid carcinoma tumor progression under active surveillance. Am J Otolaryngol 2023;44(6):103994. doi: 10.1016/j.amjoto.2023.103994
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Voigt K, Bortz M, Schübel J. Steckbrief DELTA-RCT: Das Absetzen von Levothyroxin bei Patient:innen mit latenter Hypothyreose - eine doppelt verblindete, placebo-kontrollierte, randomisierte und multizentrische klinische Studie in Hausarztpraxen. 2026. https://tu-dresden.de/med/mf/ame/ressourcen/dateien/steckbrief-projekte/V3_Steckbrief-DELTA-RCT.pdf?lang=de (accessed 7 June 2026).
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