Bonsoir, mesdames et messieurs! Immer noch Mittwoch, immer noch Paris: Hier kommt Teil 3 unseres WONCA-Reisetagebuchs. Diesmal auf einer abgesperrten Treppe sitzend und mit Special Guest: Jörg Schmid, Arzt in Weiterbildung aus München, stellvertretender Sprecher der DEGAM-Sektion Klimawandel und Gesundheit, Notarzt und Schiffsarzt in der Seenotrettung. Es geht um junge Allgemeinmedizin, eine aufrüttelnde Planetary-Health-Keynote und eine richtig gute Hörerfrage.
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode, nämlich das mit viel Liebe von einem Menschen handgemachte Transkript, liefern wir die Tage hinter, ebenso wie den DOI.Noch der Paris-Disclaimer: Diese Episoden sind echte Quick-Takes. Deswegen gibt es keine Kapitelmarken. Bitte verzeiht auch, wenn der Sound nicht ganz optimal ist und nicht jedes Ähm oder jede merkwürdige Dopplung eliminiert ist.
Das neue Plus: Ab sofort könnt ihr uns via SMS erreichen und direkt eure Gedanken senden: +49-158-886-414-80. Via Telegram sind wir auch schon erreichbar. Dort freuen wir uns gerne auch über Sprachmemos. An WhatsApp und Co arbeiten wir.
Und via E-Mail geht es nach wie vor auch: podcast@evidenzupdate.de
Unser Gespräch in Kürze
🚢 Wer ist der Gast?
Jörg ist über Global-Health-Themen zur Seenotrettung gekommen und war mehrfach mit SOS Humanity als Arzt auf dem Mittelmeer (dazu hatte einer von uns einmal mit ihm ein Seenot-Audio-Tagebuch aufgesetzt). Primärversorgung im Notfallsetting, mit Wasser unterm Kiel.
👩⚕️ EYFDM: die junge Allgemeinmedizin
Eigentlich wollte Jörg über das EYFDM, das European Young Family Doctors’ Movement, reden. Deren Pre-Conference lief schon Montag. Früher hieß die Bewegung Vasco da Gama Movement (VdGM). Die Umbenennung vor einigen Jahren steht für inklusivere Sprache (ein Entdecker-Namensgeber wirkt aus Sicht der einst „Entdeckten“ reichlich kolonial, und unter dem WONCA-Dach sitzen Kolonisierer wie Kolonisierte).
Der Spirit: von jungen Ärztinnen und Ärzten für junge Ärztinnen und Ärzte, viel günstiger als der Hauptkongress, mit Themen, die der jüngeren Generation wichtig sind, darunter Gendermedizin, Klima, Suchtmedizin, Burnout und ärztliche Gesundheit.
Highlight heuer: WONCA-World-Präsidentin Viviana Martínez-Bianchi erzählte ihren Werdegang. Eine Botschaft: Netzwerk ist alles, echte menschliche Verbindungen bewegen mehr als Glück. Nächstes Jahr findet das EYFDM-Forum in Málaga statt, und bei der WONCA Europe Conference in Ljubljana gibt es ebenfalls wieder eine EYFDM-Pre-Conference.
🌡️ Keynote: Planetary Health
Die Keynote am Mittwoch beim WONCA Europe in Paris hielt Valérie Masson-Delmotte, eine führende französische Klimawissenschaftlerin, von 2015 bis 2023 Co-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe I. Von ihr auch 4 interessante Quellen.1234
Vier Kernbotschaften, keine davon wirklich neu, aber wuchtig:
Klimawandel ist eine Gerechtigkeitsfrage: Wer am wenigsten emittiert hat, trägt die größte Last; Betroffenheit hängt an Vulnerabilität und Anpassungsfähigkeit.
Jede Tonne zählt: Die künftige Erwärmung hängt am kumulativen CO₂; aber man kann etwas bewegen.
Europa erwärmt sich überdurchschnittlich: Für Frankreich: bei +2 °C fünfmal, bei +3 °C zehnmal so viele Hitzetage.
Die Brücke zur Praxis: Herz-Kreislauf, Atemwege, Infektionen, psychische Gesundheit, diese belasteten Patientinnen und Patienten sitzen in den Praxen.
Wie real das ist, hat Jörg letzte Woche in einem Notarztdienst erlebt: bis zum Mittag vier klar hitzebedingte Notfälle. Die Urosepsis nach zu wenig Trinken, die Bradykardie durch akkumulierten Betablocker bei prärenalem Nierenversagen, dreimal Reanimation.
Wichtige Unterscheidung: Klimaschutz (Mitigation) und Hitzeschutz (Adaption) sind zweierlei. Und Klimaanlagen sind Hitzeschutz, keine Klimarettung. Sie helfen der Frau im überhitzten Wohnzimmer, aber nicht dem Kollabierten auf dem Markt. Und wer in Altersarmut lebt, hat weder 5.000 Euro für das Klimagerät noch für den Strom dafür. Was fehlt, ist aufsuchende Versorgung: Community Health Nurses oder Sozialarbeit, die nach den Menschen schauen und einfach mal ans Trinken erinnern.
📮 Hörerpost aus Bayern
Ein Medizinstudent im 8. Semester (Grüße nach Augsburg!) stellt uns kluge Fragen zur Klimasprechstunde, was mit Jörg Schmid et al. wohl am besten zu besprechen sind. Hintergrund: Die KV Bayern erprobt bis 2027 eine abrechenbare EBM-Peusdo-GOP 97130 für klimasensible Gesundheitsberatung (bis 50 Beratungen/Quartal).5
Frage 1: Was ist das, und wo ist die Evidenz?
Das Konzept ist jung und kaum evaluiert. Es geht nicht um Extra-Sprechstunden, sondern ums Mitdenken auf drei Ebenen:
Lebensstilberatung mit Co-Benefits (pflanzenbasierte Ernährung, aktive Mobilität, ohnehin Teil der kardiovaskulären Risikoberatung),
klimabewusstes Verordnen (Dosieraerosol vs. Pulverinhalator) und
Aufklärung, dass die Klimakrise eine Gesundheitskrise ist.
Rückendeckung liefern die Musterberufsordnung Ärzte (§ 1 Abs. 2: Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen) und der International Code of Medical Ethics der World Medical Association, der Planetary Health neben „Do no harm“ und Patientenautonomie aufgenommen hat. Und dennoch: Klimaleugner „bekehren“? Nein, kommunikationspsychologisch verschwendete Energie. Besser die Offenen und Unsicheren erreichen.
Leitlinien-Tipps:
DEGAM S2k-Leitlinie 053-059: Klimabewusste Verordnung von Inhalativa
DEGAM S2e-Leitlinie 053-045LG: Schutz vor Über- und Unterversorgung - gemeinsam entscheiden (Living Guideline)
In Arbeit und für Jahresende erwartet sind die
DEGAM S1-Leitlinie 053-061: Klimasensible Gesundheitsberatung für hausärztliche Praxen und die
DEGAM S1-Leitlinie 053-052: Hitzebedingte Gesundheitsstörungen in der hausärztlichen Praxis
Frage 2: Braucht es dafür wirklich eine Ziffer?
Widerspricht eine separate Abrechnungsziffer für eine „klimasensible Gesundheitsberatung“ nicht dem Gedanken hinter „Time Needed to Treat“ (Kranke vor Gesunden)?
Jörgs Antwort: Es geht um Vorerkrankte, nicht ums Präventionsparadox. Man verhindert Morbidität, die später Zeit kostet (z. B. Blutdruck- und Diuretika-Selbststeuerung vor der Hitzewelle). Und eine solche Ziffer soll das Thema auf die Agenda bringen, inklusive Fortbildung.
Der Haken bleibt: Familienmedizin ist holistisch und mag eigentlich Pauschalen. Trotzdem könnte eine Einzelziffer als Incentive einen Nutzen haben (so wie wir es zuletzt bei der Organspendeberatung lernen konnten).
Der Ausweg à la Kanada, wo das Finanzthema einfach „zum Kontext“ erklärt wurde: ein verpflichtendes, auskömmlich finanziertes Primärversorgungssystem, in dem solche Leistungen einfach mit drinstecken, statt Klein-Klein an Gebührenordnungspositionen. Weniger Überversorgung ist ohnehin der größte Klimahebel der Praxis (Pharmazeutika machen den Löwenanteil der Emissionen aus).
🔥 „Is this the world we want?“
Kleine, freundliche Keynote-Kritik: Mit voller Emphase in einen 3.000-Köpfe-Saal zu rufen, der ohnehin überzeugt ist, heißt, als Päpstin zu den Katholikinnen zu predigen, während der mutmaßlich mächtigste Mann der Welt „I love coal“ ruft und andere und neue Autokratien fleißig mitbremsen.
Jörgs Konter: Auch die machen nur, was das Volk will. Soll heißen: laut werden, vernetzen, loslegen. Und: Hitzeschutz und Klimaschutz verbinden, mit „grün und blau“ (Bäume, Wasser, Entsiegelung) in Städten sinkt die Akzeptanzschwelle und der Nutzen solcher Maßnahmen wird greifbar.
Übrigens: Die DEGAM bringt wohl bald ein Positionspapier zum klimaresilienten, hausärztlich geleiteten Primärsystem heraus, laut Jörg voller No-Brainer und Co-Benefits. Offen bleibt für heute: Wie übersetzt sich „laut werden“ in echte Wirkmacht bei der Energiepolitik? Fortsetzung folgt.
Literatur
Ebi KL, Capon A, Berry P, et al. Hot weather and heat extremes: health risks. Lancet 2021;398(10301):698–708. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(21)01208-3
Forster PM, Walsh T, Smith C, et al. Indicators of Global Climate Change 2025: annual update of key indicators of the state of the climate system and human influence. Earth Syst Sci Data 2026;18(6):3889–933. doi: https://doi.org/10.5194/essd-18-3889-2026
Indicators of Global Climate Change (IGCC) 2025. https://indicators.climate.copernicus.eu/ (accessed 1 July 2026).
Copernicus Interactive Climate Atlas. https://atlas.climate.copernicus.eu/atlas (accessed 1 July 2026).
Pfeiffer C, Heinz P, Ritter-Rupp C, et al. Klimasensible Patientenberatung: Fortbildungsangebot und Abrechnungsmöglichkeit. 2025. https://www.kvb.de/fileadmin/kvb/Mitglieder/Service/Serviceschreiben/2025-DS/KVB-RS-250930-Start-Pilotprojekt-klimasensible-Gesundheitsberatung.pdf















