EvidenzUpdate

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Deprescribing, Ioannidis, PCSK9, Tonlamarsen und Schirmchen – Evidenz-Quickies KW 13

Einige neue Studien und unhaltbare Versprechungen

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Denis Nößler
März 29, 2026
∙ Bezahlt

Guten Abend! Hier kommen die Evidenz-Quickies der gerade zu Ende gehenden Woche. Obacht und Pardon: Heute geht es, bis auf eine Ausnahme, hoch kardiologisch zu. Ein Grund dafür ist die ACC-Jahrestagung, die seit Samstag in New Orleans stattfindet. Zu diesen Zeiten sind die Journals übervoll mit diesen Themen. Vorwarnung: Kommende Woche wird es ähnlich kardiologisch. Einige Arbeiten sind noch unter Embargo und werden ab morgen vorgestellt.

Oben gibt es (a) für alle, denen die Nachricht genügt, die Quickies in Mini-Kürze. Und für alle, die (b) weiterlesen wollen, gibt es unten die detaillierten Fassungen; ab Quickie 3 für Unterstützer.

Viel Freude und hoffentlich interessante Lektüre!

Die 5 Quickies in Mini-Kürze

💊 Am Lebensende: Antithrombotika einfach mal absetzen
Ein Drittel palliativer Krebspatienten (NL, n=2.860) erhält Antithrombotika bis kurz vor dem Tod, obwohl Blutungen Thromboembolien im Verhältnis 9:1 überwiegen. Nur bei 22% wurde die Therapie vor dem Tod abgesetzt, im Median 8 Tage vorher, meist ohne dokumentierten Grund. Die Studie liefert empirisches Rückgrat für das Deprescribing-Gespräch und erinnert daran, es auch zu tun.

🥩 GBD-Daten: Ernährungsrisiken methodisch unzuverlässig
Schätzungen zu Ernährungs- und Bewegungsrisiken schwanken zwischen Global-Burden-of-Disease-Iterationen massiv: rotes Fleisch etwa mit einem Range-to-Mean-Ratio von 3,8 (25.000 bis 896.000 Todesfälle). Metabolische Risiken wie Blutdruck, LDL und Blutzucker bleiben hingegen stabil. Wer mit GBD-Zahlen zu Ernährung argumentiert, sollte immer nach der Iteration fragen.

💉 Evolocumab auch bei Diabetes ohne KHK?
Die präspezifizierte Subgruppenanalyse (n=3.655) der bekannten VESALIUS-CV-Studie zeigt reduzierten 3-P-MACE (5,0 vs. 7,1%, NNT 48) bei Hochrisiko-Diabetikern ohne manifeste KHK. Die Studie war dafür jedoch nicht gepowert, ist Amgen-finanziert, und Evolocumab ist in dieser Indikation ohnehin (noch) nicht zugelassen. Kostenrechnung: ~1,3 Mio. € pro verhindertem MACE. Erst Statin aufdosieren, ggf. Ezetimib hinzufügen, dann weiterreden.

🩸 Neuer Blutdrucksenker mit schöner Biochemie und offenen Fragen
Ein neues Antisense-Oligonukleotid gegen Angiotensinogen senkt das AGT bei monatlicher Gabe beeindruckend um 67%. Problem nur: Die Blutdrucksenkung fiel in allen Armen gleich aus (−6,7 mmHg), es gibt also keinen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang. Kein echter Placebo-Arm, Hersteller verweigert externe Datenauswertung, kaum Übertragbarkeit auf Europa. Einstweilen keine klinische Relevanz, aber eventuell ein interessanter neuer Angriffspunkt bei therapierefraktärer Hypertonie.

🫀 LAA-Okkluder bei Vorhofflimmern? Kein Votum gegen OAK
In einer Herstellerstudie hat der die Nichtunterlegenheit für den Watchman FLX formal gezeigt. Aber das 95%-KI für den primären Endpunkt reicht bis +2,6% zugunsten DOAK. Der vermeintliche Blutungsvorteil verschwindet, sobald Prozedurkomplikationen mitgezählt werden (6,4 vs. 5,9%). Zusätzlich zeigte die unabhängige deutsche CLOSURE-AF-Studie sogar Schaden. Orale Antikoagulation bleibt Standard; der Okkluder allenfalls bei echter OAK-Kontraindikation.

Und ab hier jetzt die Details …


💊 Am Lebensende einfach mal Deprescribing

Abbel D et al., Ann Fam Med 2026,1 Beobachtungsstudie aus NL 🇳🇱, Teil des von der EU geförderten SERENITY-Projekts

🎯 In Kürze: Diese Arbeit aus niederländischen Hausarztpraxen erinnert einmal mehr daran, wie oft das Absetzen unnötiger Medikamente bei Menschen mit Krebs und am Lebensende vergessen wird. Hier am Beispiel von Antithrombotika.

Ein Drittel der Krebspatienten in hausärztlicher Palliativbetreuung erhielt in dieser Studie Antithrombotika, die meisten von ihnen bis kurz vor dem Tod. Blutungen überwiegen thromboembolische Ereignisse um den Faktor 9:1.

Die S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung (AWMF 128-001OL) empfiehlt bekanntlich, Medikamente am Lebensende auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Diese Studie liefert empirisches Rückgrat für das Deprescribing-Gespräch.

PECO

  • (P)opulation: 2.860 Krebspatienten in palliativer Hausarztbetreuung (NL, 2018–2022)

  • (E)xposition: Antithrombotika-Nutzung bei 32,5% (Plättchenhemmer 53,8%; DOAK 29,3%; VKA 13,6%; Heparin 6,9%)

  • (C)ontrolle: Nichtnutzer (n=1.931)

  • (O)utcomes: Blutungen, venöse und arterielle Thromboembolien

Ergebnisse

Blutungsereignisse treten bei fast jeder dritten Person unter Antithrombotika auf, thromboembolische Ereignisse nur bei 2,5–3%. Nichtnutzer haben etwas seltener Blutungen, aber nahezu gleich häufig Thromboembolien.

Obwohl das Errechnen absoluter Risikoreduktionen wegen krasser Gruppen-Unterschiede eigentlich nicht statthaft ist, hier dennoch für ein besseres Gespür: Das absolute Risiko für Blutungen ist unter Antithrombotika um 6,5% höher (≈ NNH 15), das Risiko für arterielle Thrombosen sogar um 0,6% erhöht (≈ NNH 116).

In der Studie wurde nur bei 22% derjenigen mit Antithrombotika die Therapie vor dem Tod abgesetzt, im Median 8 Tage vorher. In den meisten Fällen (58,6%) war kein Absetzgrund in der Patientendokumentation angegeben.

Einordnung

  • Die Studie ist rein deskriptiv und kann keine Kausalaussagen treffen

  • Ja, sie ist aus den Niederlanden

  • Personen mit Antithrombotika waren älter (77 vs. 73 J.), kränker (ACS 35,7 % vs. 10,5 %, VHF 24,8 % vs. 7,6 %), hatten häufiger Polypharmazie (72,9 % vs. 39,9 %); ein direkter Gruppenvergleich ist deshalb nicht ganz statthaft

  • Loss to follow-up 22–24% durch Hospizverlegung

  • Blutungshäufigkeit wohl überschätzt (alle dokumentierten Ereignisse wurden gezählt, auch Hämatome)


🥩 Ioannidis nimmt GBD-Daten aus Korn

Zavalis et al., JAMA Health Forum 2026,2 Meta-epidemiologische Analyse

🎯 In Kürze: Daten aus den Global-Burden-of-Disease-Studien (GBD) sind so etwas wie das epidemiologische Rückgrat globaler Gesundheitspolitik. Mit ihren Befunden haben sie Einfluss auf Forschungsförderung und Public-Health-Strategien.

Jetzt hat der Statistiker John P. A. Ioannidis wieder zugeschlagen und die GBD auseinandergenommen.

Das Paper mit ihm als Letztautor zeigt: Ernährungs- und Bewegungsrisiken schwanken so stark zwischen GBD-Iterationen, dass man darauf keine präzisen Entscheidungen bauen sollte. Metabolische Risiken (Blutdruck, LDL, Blutzucker) sind hingegen stabil.

Ergo: Die Ernährungsepidemiologie ist methodisch wackelig. Das ahnten und wussten wir zwar immer. Jetzt haben wir aber neue Zahlen dafür.

Wer nächste Woche mit dem Argument „GBD sagt, rotes Fleisch tötet jährlich X Menschen“ konfrontiert wird, kann antworten: „Das kommt auf die Iteration an.“

Was wurde untersucht?

8 GBD-Iterationen (2010–2023), 66 Risikofaktoren, Instabilität der Todes- und DALY-Schätzungen via Range-to-Mean-Ratio (R:M) und Variationskoeffizient (CV)

Kernergebnisse

  • Medianes R:M: 0,8 Todesfälle (bei >1 gilt: bedenklich instabil)

  • 50% aller Todesfall-Schätzungen hatten CV >0,2 (= hohe Variabilität)

  • Rotes Fleisch: R:M = 3,8 – Todesfallschätzungen schwanken somit zwischen 25.000 und 896.000 (!)

  • Körperliche Inaktivität: R:M = 1,7, damit ist sie von 3,2 Mio. auf 670.000 Todesfälle geschrumpft

  • Stabil: metabolische Risiken wie Blutdruck, LDL, Blutzucker

Bemerkenswert ist vor allem die Variabilität der Daten. Denn die GBD-Studien wollen ja eigentlich eine Entwicklung über die Zeit darstellen. Allerdings ändern sich die Schätzungen je nach Risikofaktor von Studie zu Studie, weil die Methodik angepasst wird. Die GBD macht das insofern transparent, als sie die neuen Schätzungen rückwirkend auf die Risikofaktoren der früheren Studienzeiträume anwendet.

Und hier hat das vorliegende Paper etwas eigentlich Unglaubliches ausgemacht, nämlich dass man manchen Schätzungen faktisch gar nicht vertrauen darf. Beispielhaft für die GBD-Studie von 2021 haben die Autoren gezeigt, wie viel der damaligen Schätzungen außerhalb des 95%-Unsicherheitsintervalls (UI) liegen würden, wenn als Basis die 2019er-Schätzungen benutzt werden.

Oder ganz einfach: 2019 sagt man, zu 95% bin ich mir sicher, dass rotes Fleisch zu soundsoviel Todesfällen führt. Zwei Jahre später stellt man fest, dass diese Aussage zu 84% falsch war. LOL

Einordnung

  • Nur publizierte GBD-Zahlen ausgewertet

  • Manche Instabilität ist durchaus auch legitim: GBD verbessert seine Methoden aktiv, das ist kein Makel

  • Erstautor Ioannidis ist bekannt für Skepsis gegenüber Observationsdaten


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