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No Country for Junk Food
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No Country for Junk Food

Was wir von Chile über Lebensmittelpolitik und Public Health lernen können

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. No Country for Junk Food. EvidenzUpdate 2026;7:189. doi: 10.69156/POD.001/2026.06.00189

Mahlzeit! Wie kommt man nur durch dieses Fußballturnier, bei dem man sich nun doch noch das eigene 1/16-Finale ansehen muss? Und bei dem sogar Österreich in der K.-o.-Runde steht!? Klar, mit einer Tüte salzig-fettiger-nährwertarmer Chips, dazu ein bisschen Brause, schön süß, einige Maß Bier und ein paar ultra-prozessierte Tiere, gepresst in Laberln und Würste fürs fetischhafte Gefresse. So würde aus einem Fußballturnier ein veritables Public-Health-Risiko (vom Korruptionsrisiko nicht zu sprechen).

Würde man das in Chile sehen, sie klebten auf alles ein schwarzes Achteck: „ALTO EN …“. Dort ist all das Genannte seit 2016 schlicht ein Etikettierungs-Tatbestand: Warnhinweise auf zu fettes, zu süßes, zu salziges Essen, Werbeverbote dafür, raus aus den Schulen (siehe auf den Schoki unten).

Jetzt gibt es zu dieser Public-Health-Intervention in einem ganzen Land mit immerhin rund 20 Mio. Einwohnern erstmals Daten zu einem harten Endpunkt.

Spoiler: rund zwei bis drei Prozent weniger Übergewicht bei Kindern. Klingt mickrig? Oder nur so groß, wie man es gerade lesen will? Darüber reden wir heute. Und darüber, warum Deutschland bislang das Gegenteil von Chile macht. (Aufgezeichnet haben wir diese Episode übrigens am 16. Juni.)

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:

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Und für alle, ob fußballguckend oder nicht, hier die Kapitelmarken:

  • 00:00:00 Intro

  • 00:02:06 Was ist das FLAL

  • 00:05:57 Was Paraje et al. machten

  • 00:08:33 Interessenkonflikte?

  • 00:10:04 Differenz-zu-Differenzen-Analyse, hä?

  • 00:14:33 Absolute Wahrscheinlichkeiten

  • 00:20:07 One Giant Leap for Mankind

  • 00:21:11 Was ist BAZ schon wieder?

  • 00:23:42 Der Advocatus Diavolobby

  • 00:26:39 Der soziale Gradient

  • 00:31:04 Und was machen wir?

  • 00:33:47 Vielleicht doch mit Practice Pointer?

Chiles FLAL und das harte Ende

Ein kleines Evidenz-Quickie samt PECO zur Studie von Paraje et al.1 und dem begleitenden Editorial von Pettigrew und Coyle sowie der von uns getauften NNR (Number Needed to Regulate) :2

  • Design: Kohorten-Differenz-von-Differenzen, epidemiologische Untersuchung

  • Population: 321.597 Kinder (4–6 J.), 2012–2017, öffentliche + subventionierte Schulen

  • Exposition: Einführung des FLAL (Food Labelling and Advertising Law) in Chile (das Gesetz beschreiben wir unten)

  • Controlle: Vergleich „historisch“ mit früheren Geburtskohorten

  • Outcomes:

    • Primärer Endpunkt: Wahrscheinlichkeit für Übergewicht/Adipositas (als Marginal Effects, also Prozentpunkte) nach 18 Monaten

      • -2,85 Prozentpunkte (Mädchen)

      • -2,40 Prozentpunkte (Jungen)

      • nach 6 Monaten: -1,91 bzw. -2,24 Pp. → NNR ≈ 35 bzw. 43

    • Sekundär: BMI-for-age Z-score (BAZ)

      • -0,029 bzw. −0,032 SD nach 18 Monaten

      • konsistent, aber individuell unsichtbar

  • Haken: Parallel-Trends-Annahme (Mädchen/BAZ unsicherer), keine echte Dosis-Wirkung, ca. 40 % Stichprobenverlust, sozialer Gradient zugunsten der Privilegierten

Unser Gespräch in Kürze

🛑 Warum Chile den „ALTO EN“-Weg geht

Wir reden über das in Chile umgangssprachlich genannte „Ley de Etiquetado y Publicidad de Alimentos“3 bzw. „Food Labeling and Advertising Law“ (FLAL). Im Sommer 2012 beschlossen, ist es ab 2016 in Kraft getreten in drei Stufen, die bis 2019 immer schärfer wurden. Die New York Times nannte es einmal den „ehrgeizigsten Versuch der Welt, die Esskultur eines Landes neu zu gestalten“.4

Warum so hart? Weil Chile ein handfestes Public-Health-Problem hat: 2023 waren 51 Prozent der unter 14-Jährigen übergewichtig, 24 Prozent galten als adipös. Im OECD-Reports Health at a Glance 2025 liegt Chile bei der Adipositas-Prävalenz auf Platz 2 (hinter den USA) und inklusive Übergewicht sogar auf Platz 1.5

🏷️ Das FLAL in drei Stufen

Herzstück des Gesetzes ist ein Nährwertprofil-Modell, das Produkte mit zu viel zugesetztem Zucker, gesättigten Fetten, Natrium oder zu hoher Energiedichte als „hoch an“ („ALTO EN“) einstuft, einheitlich über alle Produktgruppen und ohne Ausnahmen. Wer über die Schwellen kommt, fällt unter drei Komponenten:

  • Warn-Achtecke auf der Packungsvorderseite: ein schwarzes Achteck je überschrittenem Nährstoff: „ALTO EN AZÚCARES / GRASAS SATURADAS / SODIO / CALORÍAS“

  • Werbebeschränkungen, keine kinderdirekte Werbung: keine Cartoons, Maskottchen oder Markenfiguren, kein Spielzeug, keine Sticker, keine Gewinnspiele, keine kinderaffine Bildsprache;6 seit Juni 2018 zusätzlich ein Werbeverbot in TV und Kino zwischen 6 und 22 Uhr7

  • Schulregeln: Verkauf und Bewerbung dieser Produkte sind in Vor-, Grund- und weiterführenden Schulen verboten

Das Gesetz eskaliert in drei Stufen mit immer schärferen Schwellenwerten, damit sollte der Industrie Zeit zum Reformulieren gegeben werden:8

Zum Vergleich: Coke hat 10,6 g Zucker zu 100 ml, Ost-Cola kommt auf 8–10 g; die Gummibärchen aus Bonn haben 343 kcal je 100 g und 46 g Zucker; Kartoffelchips kommen auf 533 kcal je 100 g.

Wichtig außerdem: Die heute besprochene Arbeit misst nur Phase 1. Ob und wie die späteren, strengeren Stufen wirken, müsste erst noch untersucht werden.

🔬 Erstmals ein harter Endpunkt

Das Neue in dieser Studie: Bisher gab es nur Surrogatbelege, dass das Gesetz wirkt (weniger Werbekontakte, weniger High-in-Käufe, reformulierte Produkte), aber nicht, ob sich diese Regulation am Körpergewicht bemerkbar macht. Genau das misst nun diese Arbeit: einen Gesundheitsendpunkt.

Das Design ist eine Kohorten-Differenz-von-Differenzen-Analyse. Randomisiert ist hier freilich nichts und niemand, verblindet auch nicht. Weil ab 2016 alle chilenischen Kinder von der Intervention betroffen waren, kann es auch keinen parallelen Kontrollarm geben. Als „Comparator“ dienten schlicht frühere Kohorten, also ältere Kinder, sozusagen ein historischer Vergleich.

Finanziert haben die Arbeit die Bloomberg Philanthropies, die Stiftung des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters und Centimilliardärs Michael Bloomberg. Die Stiftung hat eine sehr klarer regulatorische Agenda gegen Tabak, Alkohol, Zucker. Einfluss auf Design, Daten, Analyse oder Interpretation hatte die Stiftung den Autoren zufolge aber nicht.

🔢 Die 2 Prozentpunkte, die keine sind

Jetzt zu den Zahlen. Im Abstract steht: „Mädchen hatten eine 2,85 % geringere Wahrscheinlichkeit für Übergewicht.“ Prozent oder Prozentpunkte? Uffpasse! Es sind sogenannte Marginal Effects aus einem logistischen Regressionsmodell, also Prozentpunkte, eine absolute Veränderung der Wahrscheinlichkeit. Keine relative Risikoreduktion.

Das ist kein Erbsenzählen: Bei einer Ausgangsprävalenz von rund 48 Prozent (Mädchen im Vorschulalter) wäre eine Reduktion um 3 Prozentpunkte ein Rückgang von 48 auf 45 Prozent, das entspräche einer relativen Reduktion von gut 6 Prozent. Die Abstract-Formulierung lädt zum Missverständnis ein.

Und weil hier ja nicht getreatet, sondern reguliert wird, haben wir die Number Needed to Regulate (NNR) erfunden. Gern geschehen! Aus −2,85 bzw. −2,40 Prozentpunkten ergibt sich eine NNR von

  • rund 35 (Mädchen) bzw.

  • 43 (Jungen).

Dann gab es noch den BAZ, den BMI-for-age-Z-Score, also den Abstand zum Altersdurchschnitt in Standardabweichungen. Nach 18 Monaten:

  • -0,029 SD (Mädchen) bzw.

  • -0,032 SD (Jungen)

Das ist konsistent, aber für ein Individuum quasi unsichtbar: Kein Kinderarzt der Welt sieht einem Kind 0,03 Standardabweichungen an. Mit anderen Worten: Durch die Intervention wird kein Kind schlank. Aber: Die ganze Verteilung verschiebt sich ein Stückchen nach links. Willkommen im Rosengarten von Geoffrey Rose.9

🔪 Advocatus Diavolobby

Spielen wir kurz Zuckerlobby und versuchen wir diese Arbeit zu zerlegen:

  1. Die Parallel-Trends-Annahme: Differenz-von-Differenzen funktioniert nur, wenn sich exponierte und nicht exponierte Kohorten ohne die Intervention, also das Gesetz, gleich entwickelt hätten. Das ist Herzstück und Achillesferse zugleich. Und das Problem ist bekannt, Kohorten verschiedener Epochen zu vergleichen. Für die Jungen liegen die Konfidenzintervalle sauber um die Null herum, für die Mädchen ist die Sache (vor allem beim BAZ) weniger eindeutig; die Autoren mahnen hier selbst zur Vorsicht. Für die 18-Monats-Kohorte (2015) lässt sich die Annahme gar nicht testen.

  2. Die gern verkaufte Dosis-Wirkungs-Beziehung: 18 Monate wirken stärker als 6 Monate. Das klingt nach Kausalität, ist aber keine. Denn verglichen werden Kohorten, keine individuell gemessene Dosis. Und der Unterschied zwischen 6 und 18 Monaten ist gar nicht durchgehend signifikant (siehe Appendix-Tabelle S6: Mädchen p = 0,13, Jungen p = 0,81).

  3. Die Stichprobe: Aus gut 525.000 Kindern werden am Ende nur 321.597 ausgewertet, rund 40 Prozent fallen raus, allein 21 Prozent wegen wiederholter Klasse oder übersprungenem Kindergarten. Solche Kinder könnten sich sozial und gesundheitlich unterscheiden, das ist ein möglicher Selektions-Bias. Die Sensitivitätsanalysen zeigen die Effekte zwar robust (und tendenziell sogar größer), aber das Lüftchen weht.

⚖️ Das Equity-Paradox und „Bildung“

Der unbequemste Punkt: Die Effekte konzentrieren sich bei Kindern höher gebildeter Mütter, in subventionierten, wohlhabenderen und in städtischen Schulen. In öffentlichen Schulen verschwindet der Effekt bei Mädchen weitgehend, auf dem Land praktisch komplett, bei Kindern weniger gebildeter Mütter ebenfalls. Profitieren also vor allem die ohnehin Privilegierten?

Die beiden Autoren des begleitenden Editorials mahnen: Strukturmaßnahmen brauchen flankierende, zielgruppengenaue Strategien, sonst vergrößern gut gemeinte Programme die Ungleichheit. Heißt: Prävention beginnt bei Bildung und Armutsvermeidung.

Und die Arbeit zeigt uns Geoffrey Roses Präventionsparadoxon in Reinform: Für den Einzelnen ist diese Art der Prävention kaum wahrnehmbar, für die Bevölkerung aber ist sie relevant. Niemand fordert eine Politik, die sein Risiko um 2 Prozentpunkte senkt. Aber bei Millionen Kindern werden daraus Tausende verhinderte Fälle Übergewichts, mit gesellschaftlichem und ökonomischem Impact.

🇩🇪 Und Deutschland?

Chile zeigt, dass ein Paket aus Etikett, Werbeverbot und Schulregeln einen Gesundheitsendpunkt verschieben kann. Hierzulande setzen wir derweil traditionell auf Aufklärung, Information und individuelle Verantwortung, also auf das Verhalten am Regal, statt das Regal selbst zu verändern.

Nur erreicht reine Verhaltensprävention vor allem die ohnehin Gesundheitsbewussten. Erst wer das Regal verändert, erreicht hingegen alle. Das Kinder-Lebensmittel-Werbegesetz (KLWG, noch unter Özdemir) ist nie umgesetzt worden, der Nutri-Score bleibt freiwillig. Und wir diskutieren seit Jahren über deutlich kleinere Eingriffe, während andere längst handeln und jetzt die Folgen messen.

Die Studie erinnert uns daran, dass wir überschätzen, wie sehr Gesundheit aus individuellen Entscheidungen entsteht, und unterschätzen, wie sehr die Umgebung prägt. Wer (Lebensmittelindustrie) Gesundheitsschutz in Form von Lebensmittel-Regulation vorschnell als „Bevormundung“ abtut, vergeht sich an der Gesund aller.

Prost!

Literatur

1

Paraje G, Valdés N, Macaya AV, et al. The impact of Chile’s multipronged food labelling and advertising law on early childhood excess weight: a cohort difference-in-differences study. Lancet Published Online First: 2026. doi: 10.1016/s0140-6736(26)00651-3

2

Pettigrew S, Coyle D. Integrated food policy and child obesity. Lancet Published Online First: 2026. doi: 10.1016/s0140-6736(26)00915-3

3

Congreso Nacional de Chile. Ley No. 20.606, Sobre composición nutricional de los alimentos y su publicidad. 2012. https://bcn.cl/2eu90 (accessed 28 Jun 2026).

4

Jacobs A. In Sweeping War on Obesity, Chile Slays Tony the Tiger. The New York Times. 2018. https://www.nytimes.com/2018/02/07/health/obesity-chile-sugar-regulations.html (accessed 15 June 2026).

5

OECD. Health at a Glance 2025: OECD Indicators. Heal a Glance Published Online First: 13 November 2025. doi: 10.1787/8f9e3f98-en

6

Taillie LS, Bercholz M, Popkin B, et al. Decreases in purchases of energy, sodium, sugar, and saturated fat 3 years after implementation of the Chilean food labeling and marketing law: An interrupted time series analysis. PLOS Med 2024;21(9):e1004463. doi: 10.1371/journal.pmed.1004463

7

Carpentier FRD, Correa T, Reyes M, et al. Evaluating the impact of Chile’s marketing regulation of unhealthy foods and beverages: pre-school and adolescent children’s changes in exposure to food advertising on television. Public Heal Nutr 2020;23(4):747–55. doi: 10.1017/s1368980019003355

8

Rebolledo N, Ferrer-Rosende P, Reyes M, et al. Changes in the critical nutrient content of packaged foods and beverages after the full implementation of the Chilean Food Labelling and Advertising Law: a repeated cross-sectional study. BMC Med 2025;23(1):46. doi: 10.1186/s12916-025-03878-6

9

ROSE G. Sick Individuals and Sick Populations. Int J Epidemiology 1985;14(1):32–8. doi: 10.1093/ije/14.1.32

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