Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Backus J, Scherer M. Landesverteidigung und Leitlinien: Wie geht EbM im Panzer?. EvidenzUpdate 2026;7:174. doi: 10.69156/POD.001/2026.03.00174
Achtung!
Heute gibt es eine in mehrfacher Hinsicht reichlich besondere Episode: Wir zerlegen ausnahmsweise mal keine Studienpublikation oder Metaanalyse. Wir nehmen nicht den nächsten gesundheitspolitischen oder gesellschaftlichen Kokolores aufs Korn. Die internistischen und Organ-Fächer lassen wir auch in Ruhe. Heute geht es „an die Front“, jedenfalls gedanklich: Denn wir wollen wissen, wie evidenzbasierte Medizin bei der Bundeswehr funktioniert, welchen Stellenwert Leitlinien noch haben, wenn draußen die Panzer rollen.
Warum? Weil immer mehr Verrückte in der Welt (nicht nur in Moskau und Washington) Krieg „spielen“. Weil das Abfeuern von Raketen, das Ermorden (oder Entführen) von Menschen zur offensichtlich wieder üblichen „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (von Clausewitz) geworden ist. Weil auf der Welt munter Grenzen infragegestellt werden. Deswegen wollen wir die militärische Medizin näher kennenlernen und herausfinden, welchen Prinzipien sie folgt, wie sie mit der zivilen Medizin kompatibel ist und wie viel EbM in ihr steckt.
Also sind wir nach Koblenz gefahren, in die Falckenstein-Kaserne (und zwar am 17. Februar). Dort hat das Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr seinen Sitz. Kommandeur des KdoGesVersBw ist ein Allgemeinmediziner: Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus. Er ist außerdem Sport- und Rettungsmediziner, Leitender Notarzt und nimmt am KV-Notdienst teil.
Allgemeinmedizin gibt es in der Bundeswehr übrigens gar nicht so selten: Die Truppe braucht nämlich nicht nur im Einsatz einen Sanitätsdienst und betreibt nicht nur fünf eigene Krankenhäuser (wo sie auch am Rettungsdienst teilnimmt). Sie ist auch für die hausärztliche Versorgung ihrer Angehörigen zuständig. Im Militärjargon nennt sich das unentgeltliche truppenärztliche Versorgung (utV) und ist u.a. in der Bundeswehr-Heilfürsorgeverordnung (BwHFV) geregelt.
Aber ins Gespräch. Und es gibt gleich einen Spoiler: In die Tiefen der EbM konnten wir noch nicht einsteigen. In dieser Episode geht es zunächst um eine grundsätzliche Verständigung, ein „Kennenlernen“. Cliffhanger: Wir wollen das Gespräch deswegen fortsetzen und hoffen, in Bälde mit einer zweiten Episode nachlegen zu können.
Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de
Nicht nur für Fallschirmspringer geeignet sind übrigens die Kapitelmarken:
00:00:00 Intro
00:02:25 KdoGesVersBw, was ist das?
00:07:20 Die Situation
00:13:22 EbM im Krisenfall, geht das?
00:19:35 The Best For The Most
00:35:06 Vogel Strauß in der Hausarztpraxis
00:45:01 Be Prepared
Das Gespräch in Kürze
Die Ausgangslage
Unsere Leitfrage für das Gespräch: Was passiert eigentlich mit Evidenz, wenn draußen die Panzer rollen?
Immer neue kriegerische Auseinandersetzungen, Auf- statt Abrüstung allerorten. Bundeskanzler Friedrich Merz spricht von einer „neuen Phase offen ausgebrochener Kriege und Konflikte“.1 Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, nennt mit seinem britischen Amtskollegen Verteidigung „eine Aufgabe für jeden Einzelnen von uns“.2
Der einstige ExpertInnenrat der Bundesregierung forderte, das Gesundheitswesen müsse „kriegstauglich“ werden.3 Im als geheim eingestuften OPLAN DEU wird bereits die zivil-militärische Zusammenarbeit auch in der Gesundheitsversorgung für den Fall des Verteidigungsfalls vorbereitet.4
In den „Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung“ ist die Rede davon, dass „Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung ihre Leistungsfähigkeit auf die Anforderungen im Verteidigungsfall umzustellen, zu erweitern und ihre Einsatzbereitschaft herzustellen haben“.5 Auch ist die Rede von einer „Verpflichtung der Träger und Inhaber der Einrichtungen des Gesundheitswesens (…) zur notwendigen Mitwirkung“.
Im sogenannten „Grünbuch Zivil-Militärische Zusammenarbeit (ZMZ)“ wird u.a. von der „Sicherstellung der sanitätsdienstlichen und hausärztlichen Versorgung im Rahmen HNS [Host Nation Support] und für den strategischen Verwundetentransport“ gesprochen.6 Und noch dieses Jahr soll ein Gesundheitssicherstellungsgesetz kommen.
Das KdoGesVersBw
Das Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr gibt es seit 2025 und ist Nachfolger des einstigen Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr (KdoSanDstBw). Von Koblenz aus wird der gesamte Sanitätsdienst der Bundeswehr gesteuert, mit rund 24.000 Soldatinnen, Soldaten und zivilen Mitarbeitenden. Die Struktur besteht im Kern aus drei großen Säulen:
Ambulante Versorgung
Dazu gehört die hausärztliche Betreuung aller Soldatinnen und Soldaten. Die Aufgabe ähnelt dem zivilen Versorgungssystem, ergänzt durch militärische Besonderheiten wie Einsatzvorbereitung, präklinische Versorgung und notärztliche Versorgung.Klinische Versorgung
Die erfolgt über die fünf Bundeswehrkrankenhäuser und die sanitätsdienstlichen Verbände. Gleichzeitig muss die Bundeswehr in der Lage sein, medizinische Versorgung auch dort sicherzustellen, wo es keine funktionierende Infrastruktur gibt, etwa im Auslandseinsatz oder in Szenarien der Landesverteidigung.Ausbildung, Lehre und Forschung
Dazu gehören Sanitätsakademien, Ausbildungsprogramme für medizinisches und nichtmedizinisches Personal sowie spezialisierte Forschungsinstitute, etwa im Bereich ABC-Schutz (atomar, biologisch, chemisch). Diese Einrichtungen sind teilweise auch für die zivile Gesundheitsvorsorge von Bedeutung.
Die EbM-Grenze
Militärmedizin ist nicht einfach zivile Medizin in Uniform. Sie folgt teilweise anderen Prioritäten und Rahmenbedingungen. Während im zivilen System die individuelle Patientenversorgung im Vordergrund steht, muss militärische Medizin immer auch operative Erfordernisse berücksichtigen: Einsatzfähigkeit, Logistik und taktische Lage.
Das führt zwangsläufig zu Spannungsfeldern: Denn evidenzbasierte Medizin lebt bekanntlich von kontrollierten Studien, Leitlinien und sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Schaden. Militärische Einsatzsituationen hingegen sind oft geprägt von Zeitdruck, Ressourcenknappheit und improvisierten Strukturen.
Ergo spielt Evidenz im militärischen Kontext keine Rolle? Ganz im Gegenteil.
Laut Backus spielen auch im Sanitätsdienst evidenzbasierte Prinzipien7 eine zentrale Rolle: etwa bei der Entwicklung von Versorgungsstandards, Ausbildungsprogrammen oder medizinischen Einsatzkonzepten. Gerade weil die Bedingungen im Einsatz so extrem sein können, ist es umso wichtiger, dass die zugrunde liegenden Verfahren wissenschaftlich fundiert sind.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Die militärische Medizin muss teilweise mit anderen Evidenzformen arbeiten als die klassische klinische Forschung. Erfahrungen aus Einsätzen, Registerdaten, Simulationen oder militärische Lessons Learned spielen eine größere Rolle als randomisierte Studien, die in solchen Kontexten oft schlicht nicht möglich sind. Register beispielsweise sind in der Wehrmedizin ein Goldstandard, um Erkenntnisse zu sammeln und belastbare Empfehlungen zu entwickeln.
Ärztin vs. Soldatin
Im Gespräch kommen wir auch auf die vermeintliche Spannung zwischen der Rolle des Arztes und der Rolle des Soldaten. Die Vorstellung dahinter ist oft eine ziemlich schlichte Dichotomie: Hier der Arzt, der ausschließlich dem Patienten verpflichtet ist, dort der Soldat, der militärischen Befehlsstrukturen folgt.
Backus widerspricht dem: Denn auch militärische Ärzte sind in erster Linie Ärzte. Sie unterliegen denselben berufsethischen Prinzipien, denselben medizinischen Standards und denselben Verpflichtungen gegenüber ihren Patienten. Der militärische Kontext verändert zwar die Rahmenbedingungen der Arbeit, aber nicht die ethischen Grundlagen des ärztlichen Handelns.
Gerade deshalb sei es problematisch, wenn die Diskussion auf eine einfache Gegenüberstellung „Soldat versus Arzt“ reduziert werde. Sie verkenne, dass medizinisches Handeln auch im militärischen Kontext durch professionelle Standards geprägt ist.
Militarisierung der Medizin
Ein anderer Aspekt ist die Kritik an einer Militarisierung der Medizin, wenn etwa davon gesprochen wird, das Gesundheitswesen müsse kriegstüchtig werden.891011
Für Backus entstehen solche Vorwürfe aus einer gewissen Distanz zum tatsächlichen Alltag der militärischen Medizin. Denn es gehe weniger um Militarisierung als um etwas ganz anderes: die Sicherstellung medizinischer Versorgung unter Bedingungen, die im Extremfall lebensbedrohlich sind.
Das Ziel bleibt dabei dasselbe wie in jeder anderen medizinischen Umgebung: Patienten bestmöglich zu versorgen.
Noch ein Hörtipp
Wer sich mehr für Notfallmedizin, Taktische Medizin, Militärmedizin, TCCC und Ähnliches interessiert, dem sei der Podcast Taktische Medizin empfohlen, der vom KdoGesVersBw herausgegeben wird:
Rührt Euch! Oder ganz zivil: Alles Gute & bis neulich.
Literatur
Merz F. Rede von Bundeskanzler Merz bei der MSC: „Unsere Freiheit behaupten wir mit unseren Nachbarn“. Published Online First: 13 February 2026. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-kanzler-msc-2407218
Knighton R, Breuer C. As defence chiefs, we must warn you about Russia and say this: rearmament is not warmongering. The Guardian. 2026. https://www.theguardian.com/commentisfree/2026/feb/15/defence-chiefs-russia-rearmament-security-britain-germany-europe
ExpertInnenrat „Gesundheit und Resilienz“. 7. Stellungnahme: Resilienz und Gesundheitssicherheit im Krisen- und Bündnisfall. 2024. https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975196/2324428/eb6c7820531c595dd5b2b59c29158039/2024-12-10-7-stellungnahme-expertinnenrat-data.pdf?download=1
Bundeswehr. Operationsplan Deutschland. Eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. 2025. https://www.bundeswehr.de/resource/blob/5920008/5eb62255741addec3f38d49a443d0282/booklet-operationsplan-deutschland-data.pdf
Beschluss des Bundeskabinetts. Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung - Gesamtverteidigungsrichtlinien - (RRGV). 2024. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/sicherheit/RRGV.pdf?__blob=publicationFile&v=4
Bubendorfer-Licht S, Eckert L, Hahn A, et al. Grünbuch ZMZ 4.0. Zivil-Militärische Zusammenarbeit 4.0 im militärischen Krisenfall. Berlin: Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e. V. 2025. https://zoes-bund.de/wp-content/uploads/2025/03/250306_Gruenbuch_ZMZ_digital.pdf
Haynes RB, Devereaux PJ, Guyatt GH. Physicians’ and patients’ choices in evidence based practice. BMJ 2002;324(7350):1350. doi: https://doi.org/10.1136/bmj.324.7350.1350
Seffrin J. Keine Militarisierung der Medizin. Hessisches Ärzteblatt 2025;86(10):553.https://www.laekh.de/fileadmin/user_upload/Heftarchiv/Einzelartikel/2025/10_2025/Leserbrief_Seffrin.pdf
IPPNW e.V. Erklärung für ein ziviles Gesundheitswesen: Menschen aus Gesundheitsberufen gegen die Militarisierung. 2025. https://www.ippnw.de/aktiv-werden/kampagnen/erklaerung-ziviles-gesundheitswesen/begruendung-erklaerung.html (accessed 18 Jan 2026).
Kreft E, Rausch P. Kriegstüchtiges Gesundheitssystem. ak analyse & kritik. 2025. https://www.akweb.de/bewegung/kriegstuechtiges-gesundheitssystem-regierung-und-bundeswehr-wollen-krankenhaeuser-auf-den-ernstfall-ausrichten/ (accessed 18 Jan 2026).
Linke und AfD einig bei „Militarisierung des Gesundheitswesens“. Deutsches Ärzteblatt. 2026. https://www.aerzteblatt.de/news/linke-und-afd-einig-bei-militarisierung-des-gesundheitswesens-e3162de0-8968-4988-9ea8-fd110b89b072 (accessed 18 Jan 2026).















