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Paris, je t'aime ... aber wo ist Raum 341? Fränglisch im Primary-Care-Labyrinth
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Paris, je t'aime ... aber wo ist Raum 341? Fränglisch im Primary-Care-Labyrinth

Reisetagebuch WONCA Europe Paris 2026, Tag 2, Teil 1

Bonjour, Mesdames et Messieurs. Mittwochmittag, wieder (immer noch) vor dem Palais des Congrès. Frankreich hat 3:0 gegen Schweden gewonnen (das Hupkonzert blieb abends erstaunlich leise, setzte aber während der Aufzeichnung ein), einer von uns saß im Treppenhaus fest, und die KI hat das Kongressprogramm seziert. Dazwischen: Pädiatrie und ein Ländervergleich der Primärversorgung. Willkommen zu Tag 2, bzw. Teil 1 davon.

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode, nämlich das mit viel Liebe von einem Menschen handgemachte Transkript, liefern wir die Tage hinter, ebenso wie den DOI.

Noch ein Disclaimer: Die Episoden aus Paris sind echte Quick-Takes. Deswegen gibt es keine Kapitelmarken. Bitte verzeiht auch, wenn der Sound nicht ganz optimal ist und nicht jedes Ähm oder jede merkwürdige Dopplung eliminiert ist.

Das neue Plus: Ab sofort könnt ihr uns via SMS erreichen und direkt eure Gedanken senden: +49-158-886-414-80. Via Telegram sind wir auch schon erreichbar. Darüber freuen wir uns gerne auch über Sprachmemos. An WhatsApp und Co arbeiten wir.
Und via E-Mail geht es nach wie vor auch: podcast@evidenzupdate.de

Unser Gespräch in Kürze

🌀 Verschollen im Treppenhaus

Tag zwei, und das Palais bleibt ein Labyrinth: erst das Badge vergessen (zurück!), dann nach der Keynote im dunklen Treppenhaus eingesperrt. Wie aus einem Krimi, immer düsterer, immer mehr weggeworfenes Zeug auf den Stufen. Ausgang? Fehlanzeige. Rückzug, wieder hoch, wieder durchs Rolltreppen-Dickicht. Sprachlich lernen wir derweil „Fränglisch“: englische, vermutlich KI-geschriebene Vorträge in akzentfreier französischer Aussprache. Die Slides sind unsere Rettungsanker. Und man trifft überraschend viele bekannte Gesichter aus Deutschland.

🤖 Die KI röntgt das Kongressprogramm

Ein Selbstversuch: das rund 160-seitige Programm in eine KI gekippt, mit der Bitte um ein Impact-Ranking der Themen plus Benennung der Leerstellen. Ergebnis: sieben Themencluster:

  • Digitalisierung/KI,

  • Forschungsmethoden,

  • Aus-/Weiterbildung & Professional Wellbeing,

  • Multimorbidität/Priorisierung,

  • „Less is more“/Overuse,

  • das mit Abstand stärkste Signal aber: Equity, vulnerable Gruppen, Global & Planetary Health, faktisch das Schwerpunktthema und die konsequente Fortsetzung des Aktivismus-Motivs von gestern,

  • auffällig unterbelichtet: längsschnittliche Kohorten- und De-Implementations-Studien, die konkrete Umsetzung von „Less is more”, internationale Systemvergleiche – und, im Jahr 2026 durchaus pikant, KI-Methodik und -Ethik in der Forschung. Ausgerechnet, wo KI gerade der CO₂-Treiber schlechthin ist.

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🧒 Pädiatrie: Kontext schlägt Wissen

In Raum 341 (rappelvoll) reihten sich Fünf-Minuten-Vorträge zur pädiatrischen Versorgungsforschung:

  • PPI bei Säuglingsreflux (in der Normandie): Die Verordnungsraten steigen, die Schnittstelle zu den Pädiatern hakt, obwohl Reflux bei Säuglingen meist physiologisch ist und PPI selten wirklich nötig sind. Fazit: further research is needed. Frage an euch: Seht ihr das im eigenen Alltag auch, mehr PPI bei Säuglingen, Kleinkindern?

  • Antibiotika & Kita (Australien): Eine qualitative Interviewstudie (20 Eltern, 18 Kita-Mitarbeitende, 7 Einrichtungen) zeigt: nicht fehlendes Wissen treibt die Verordnung, sondern kulturelle Vorstellungen, Elterndruck und der Wunsch, das Kind rasch wieder in die Betreuung zu bekommen, plus diffuse Post-Pandemie-Verunsicherung.

  • Fieber unklarer Genese (Griechenland): Ein Fallbericht (Jugendlicher → Appendizitis) diente als Red-Flag-Repetitorium. Kernbotschaft: strukturiert beurteilen, Verlauf abwarten, nicht reflexartig die große Diagnostik auffahren.

  • Adipositas-Screening (Frankreich): Trotz Leitlinienempfehlung, Kinder unabhängig vom Vorstellungsgrund zu screenen, sprechen Hausärztinnen und Hausärzte das Thema selten an. Die Hürden sind psychologisch und organisatorisch. Im Grunde Behavioral Science für die Praxis: an Routinen, Erwartungen und Praxisorganisation ansetzen, im Team arbeiten und einen Weg finden, es immer wieder anzusprechen.

Roter Faden: Medizinische Entscheidungen hängen oft weniger am Wissen als am Versorgungskontext. Genau das versucht Versorgungsforschung zu verstehen – ein Feld, das um Fördermittel kämpft, weil es gern als „nicht innovativ“ abgetan wird.

🏥 Primärversorgung im Ländervergleich

Parallel ging es im Grand Amphithéâtre um Primärversorgungssysteme (zwei No-Shows unter den Rednern bescherten viel Diskussionszeit). Das WHO-Framework WHO-PEN1 kannte im Saal – niemand. Spannender wurde es bei den Länderbeispielen: Québec baut die Primärversorgung (31 % der Menschen dort ohne Zugang!) in sechs Stufen wieder auf. Auffällig: erst in die Gesundheitsberufe investieren, dann die Einschreibeverpflichtung, erst danach Governance, Wissensaufbau und Finanzierung.

Zur Vergütung nur der lakonische Satz „Bezahlung ist nicht unser Problem – sie ist Teil des Kontextes“ (Capitation plus Regionalbudgets); die ganze deutsche HZV-/EBM-Dauerdebatte war damit vom Tisch.

Roter Faden aller starken Systeme: konsequente Teampraxis mit Pharmazie, Sozialarbeit und Pflege, was an die DEGAM-Zukunftspositionen,2 an HÄPPI und VERAH et al. erinnert. Antwort auf die Kritikerfrage „Wie sollen Hausärzte das alles schaffen?“ – im Team.

Aus den Niederlanden (nachhaltige Primärversorgung) ein paar Zahlen zum Mitnehmen: 7 % der nationalen CO₂-Emissionen stammen aus dem Gesundheitswesen, davon rund 11 % aus der Hausarztpraxis (~160 t/Jahr). Der mit Abstand größte Brocken: Medikamente, 87 % des Fußabdrucks im Gesundheitswesen (~1.240 t/Jahr), vor allem in der Herstellung.

Der einzige Praxis-Hebel heißt entsprechend (Nicht-)Verordnen; „Sustainable Prescribing“3 könnte fast 400 t einsparen. Botschaft: keine „Big Interventions“ – viele kleine Dinge, die sich summieren (plant-based nutrition hatte in deren Rechnung übrigens kaum Impact). Wichtige Einschränkung: NL-Daten, nicht 1:1 übertragbar.

🔮 Cliffhanger

Danach haben wir uns gemeinsam eine Planetary-Health-Keynote angehört. Die besprechen wir in der nächsten Folge, und zwar nicht allein, sondern mit einem Special Guest. Die Leitfrage, die wir mitnehmen: Was ist der größere Hebel in der Praxis – das (Nicht-)Verordnen oder die klimasensible Gesundheitsberatung?

À tout à l’heure!

Literatur

1

World Health Organization. WHO package of essential noncommunicable (PEN) disease interventions for primary health care. 2020. https://www.who.int/publications/i/item/who-package-of-essential-noncommunicable-(pen)-disease-interventions-for-primary-health-care (accessed 1 Jul 2026).

2

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. DEGAM-Zukunftspositionen: Allgemeinmedizin — spezialisiert auf den ganzen Menschen. 2012. https://www.degam.de/files/inhalt/pdf/positionspapiere_stellungnahmen/positionspapiere-altes-verzeichnis/2012_degam_zukunftspositionen.pdf

3

Lith C van, Vossen M. Quickscan Sustainable Prescribing: Prescribe with a green vibe. 2025. https://www.degroenehuisarts.nl/wp-content/uploads/2025/09/Quickscan_ePoster_WONCA__the_Green_GP_-2.pdf

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