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Ist die EbM tot? Und Delegation auch? Fragen Sie den Papagei!
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Ist die EbM tot? Und Delegation auch? Fragen Sie den Papagei!

Reisetagebuch WONCA Europe Paris 2026, Tag 2, Teil 3

Bonsoir, mesdames et messieurs! Hier kommt, immer noch von Tag 2 beim WONCA Europe in Paris Teil 3 (eine 4. kommt auch noch). Aufgezeichnet haben wir die am späten Mittwochnachmittag, unter der Sonne, nachdem wir in zwei Controversy-Sessions waren, einem halbstündigen Pro-und-Contra-Format. Dummerweise lief alles parallel, also haben wir uns aufgeteilt: einer in „Ist die evidenzbasierte Medizin tot?“, einer in „Lässt sich Allgemeinmedizin delegieren?“. Social Media mussten wir sausen lassen. Spoiler: Beide „Kontroversen“ waren am Ende gar keine.

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode, nämlich das mit viel Liebe von einem Menschen handgemachte Transkript, liefern wir die Tage hinter, ebenso wie den DOI.

Noch der Paris-Disclaimer: Diese Episoden sind echte Quick-Takes. Deswegen gibt es keine Kapitelmarken. Bitte verzeiht auch, wenn der Sound nicht ganz optimal ist und nicht jedes Ähm oder jede merkwürdige Dopplung eliminiert ist.

Das neue Plus: Ab sofort könnt ihr uns via SMS erreichen und direkt eure Gedanken senden: +49-158-886-414-80. Via Telegram sind wir auch schon erreichbar. Dort freuen wir uns gerne auch über Sprachmemos. An WhatsApp und Co arbeiten wir.
Und via E-Mail geht es nach wie vor auch: podcast@evidenzupdate.de

Unser Gespräch in Kürze

⚰️ „Is evidence-based medicine dead?“

Zwei Reden, pro und contra. Der Pro-Talk von Alexandre Gouveia aus Lausanne war ein flammendes Plädoyer: Rückblick auf die 1990er, als Intuition und „Medizin nach Gutsherrenart“ regierten, bis die EbM-Bewegung kam (David Sackett, 19961), dann Systematic Reviews, Meta-Analysen und um die Jahrtausendwende die Leitlinien.

Gouveias Punkt: Schafft man diese Errungenschaften ab, fehlt die Guidance im Studiendschungel und die evidenzbasierte Politikberatung. Das gerade in einer Zeit, wo Fakten beliebig verbogen werden, rutschten wir sonst (noch mehr) in ein postfaktisches (Medizin-)Zeitalter.

Also: EbM ist nicht tot, aber es braucht eine Renaissance – kritisch, kontextualisiert, human, an die Werte der Familienmedizin angepasst. Und, natürlich: pragmatic trials.

Der Contra-Talk war der Kracher: Trisha Greenhalgh, Grand Dame der EbM und ebenso Schreib- wie Redeungeheuer, nahm zunächst die Frage selbst aufs Korn: mit Monty Pythons totem Papagei. Der Witz sei ja nicht, ob der Vogel tot ist (ist er), sondern dass der Verkäufer jede offensichtliche Tatsache mit stählerner Selbstsicherheit wegredet.

Genau dagegen (vgl. „Covid gab es nicht“, „den Klimawandel gibt es nicht“) brauche man Evidenz. Ihr eigentliches Bild aber: Primary Care und EbM seien eine jahrzehntelange, lieblose Ehe; Zeit für die Scheidung, Freunde bleiben ja erlaubt (Friends with Benefits).

Am Statin-Beispiel wurde es konkret: Wenn die Patientin über Muskelschmerzen klagt und man ihr entgegnet „die neueste Evidenz sagt, das ist eine Mär“,23 dann zieht er betröppelt von dannen („habe ich halt keine Muskelschmerzen“). Genau diese mechanistische Anwendung sei das Problem. Institutionalisierte EbM sei nicht tot, passe aber schlecht zur Allgemeinmedizin, deren weiche Faktoren (abwartendes Offenhalten, Erkennen abwendbar gefährlicher Verläufe, Langzeitbeziehung, Patientenzentrierung, sozialer Kontext) das Fach ausmachen.

Greenhalghs Schlussbild: EbM ist der Kompass, der gemeinsam mit der Patientin aus dem dunklen Wald führt. Sie ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Kurz: die EbM nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen. Könnte sehr heilsam sein.

🤝 „Can general practice be delegated?“

Auch hier zwei Redner (UK und Schweiz). Wichtige Vorbemerkung: Geredet wurde ausschließlich von „Delegation“, gemeint war aber durchweg, was wir in Deutschland Substitution nennen (Heilkundeübertragung: eine andere Berufsgruppe übernimmt abschließend ärztliche Leistungen, vom Impfen bis hin zur Diagnosestellung). Diese feine Unterscheidung gibt’s außerhalb Deutschland offenbar nicht.

Das Contra kam von Peter Holden (UK): Ich will den Hut aufhaben, die Verantwortung und das Leadership, und dann delegiere ich im Einzelfall. Practice Nurses mit zweijährigem Kürzest-Abschluss? „Die Kabinen-Crew lässt man ja auch nicht das Flugzeug fliegen.“ Konter aus dem Publikum: „Die Piloten starten drei Minuten, landen drei Minuten, den Rest macht der Algorithmus.“ Also ein Autopilot.

Dahinter die eigentliche Sorge: Der Treiber der Substitution sei Profit („günstige Kaninchen hoppeln lassen“, Access, Access, Access! ruft die Politik). Und die Apothekenketten seien etwa im UK oder Australien eine enorme Lobby (mit riesigem Kapital dahinter). Kämen ärztliche Leistungen in die Pharmazie, so Holden süffisant, könne man Antibiotic Stewardship gleich vergessen.

Das Pro kam von Nicolas Senn (Lausanne): Ohne Delegation geht es nicht. „Wenn wir nicht delegieren, dann werden wir delegiert“. Und delegieren werde künftig die KI. Weitere Pro-Argumente: Jede zusätzliche Person bringt einen wertvollen Mix und neue Perspektiven ins Team; mehr Verantwortung stärke auch das Wohlbefinden der Gesundheitsberufe; Interprofessionalität wäre danach ein Wert an sich (komplexe, multimorbide, familienbezogene Probleme gehen nur im Team; steht so auch in unserer Fachdefinition).

Der spannendste, aber unterbelichtete Gedanke: Der Glaube an Algorithmus und Leitlinie sei die Maschinisierung der Medizin, die die Politik für maximalen Durchsatz liebt. Es ist aber nicht das, was ärztliche Kunst ausmacht. Kluge Teamarbeit könnte der Gegenentwurf dazu sein. Daraus ließe sich ein ganzer Kongresstag machen, ach was: ein ganzer Kongress.

🔮 Cliffhanger

Eine Hörerin hat uns via unsere neue Mobilnummer gebeten, etwas zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch aus Frankreich mitzubringen, wie man es hier handhabt. Die Episode kommt als Nächstes. Danach: Tag 3 (wo wir jetzt schon sind).

À demain! Oder vielleicht schon heute Abend?

Literatur

1

Sackett DL, Rosenberg WMC, Gray JAM, et al. Evidence based medicine: what it is and what it isn’t. BMJ 1996;312(7023):71–2. doi: 10.1136/bmj.312.7023.71

2

Reith C, Blackwell L, Emberson JR, et al. Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials. Lancet 2026;407(10529):689–703. doi: 10.1016/s0140-6736(25)01578-8

3

Reith C, Baigent C, Blackwell L, et al. Effect of statin therapy on muscle symptoms: an individual participant data meta-analysis of large-scale, randomised, double-blind trials. Lancet 2022;400(10355):832–45. doi: 10.1016/s0140-6736(22)01545-8

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