EvidenzUpdate
EvidenzUpdate-Podcast
Organspende, Labor, Beziehung: Warum das System für Kluges nicht zahlt
0:00
-42:46

Organspende, Labor, Beziehung: Warum das System für Kluges nicht zahlt

Briefe aus dem Hamsterrad, Teil 1

Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D, Scherer M. Organspende, Labor, Beziehung: Warum das System für Kluges nicht zahlt. EvidenzUpdate 2026;7:186. doi: 10.69156/POD.001/2026.06.00186

Einsteigen, bitte! Mittlerweile kommt die Post ja immer seltener, also die im Briefkasten. Bei uns ist es reziprok: Wir kommen mit der Hörerpost kaum hinterher. (Pardon für alle ausstehenden Antworten an dieser Stelle!) Also haben wir beschlossen: In zwei Episoden wird der Briefkasten geleert, zumindest im Ansatz. Und dann hat es auch noch „BAM“ gemacht hat. Oha! (Nein, das ist keine neue Erkrankung).

Das hier ist Teil 1 unseres Briefkasten-Doppels. Wir arbeiten uns durch die freundlichen, die nachdenklichen und die expliziten Zuschriften. Und manchmal bleiben wir an einem Faden hängen, der gar nicht so rot ist: Gute Entscheidungen werden in unserem System nicht belohnt. (Aufgezeichnet haben wir am Freitag, 5. Juni; warum Pailletten und Multimorbidität zusammenpassen, wird vorerst nicht gespoilert.)

Plus für alle hier: die Zusammenfassung unseres Gesprächs und natürlich die Literatur.
Das Plus für alle Unterstützer zu dieser Episode:

Schreibt uns: podcast@evidenzupdate.de

Für alle, die sich für glitzernde CME-Punkte begeistern können, hier die Kapitelmarken:

  • 00:00:00 Intro

  • 00:01:03 Es hat BAM gemacht

  • 00:03:27 Ab in den Briefkasten

  • 00:05:11 Niemand macht das Licht an

  • 00:07:54 Weglassen ohne Belohnung

  • 00:11:00 GU als Ritual zum Berühren

  • 00:15:05 Bonus vs. Regress

  • 00:21:20 Noch mehr Zügel?

  • 00:24:26 Ihr Nihilisten!

  • 00:27:24 Organspende ohne Ziffer


Unser Gespräch in Kürze

📮 Briefkasten auf! Warum eigentlich?

Schon mal gefragt, wie die Post zu uns kommt, also Eure und Ihre? Per Mail am besten, via podcast@evidenzupdate.de, oder hier unten per Kommentar, oder per Substack-Chat. Und wer unsere Handynummern hat, ruft einfach an oder schickt eine SMS. Spoiler: WhatsApp hat nur einer von uns.

😴 Ein System, das müde macht

Den Anfang machen zwei sehr persönliche Briefe aus dem Südwesten:

Ein Doc aus dem Ländle, jahrzehntelang niedergelassen, davor Missionsarzt in Tansania, geht Ende Juni in den Ruhestand. Vieles, was wir besprechen, kennt er aus dem Alltag, der ihn „müde gemacht und abgenutzt“ hat. Der bittere Nebensatz: Er findet keinen Nachfolger. 1.300 Scheine, AOK-HZV. Da macht jemand das Licht aus, ohne dass es wieder angeht.

Unsere erste Antwort: Danke für ein Berufsleben voller Verantwortung. Und dann die Einordnung passend zur BAM-Keynote von Florian Stiegler, der alle aufstehen ließ, die sich zuletzt müde fühlten (noch ein Spoiler: es blieb nur Erika Baum sitzen, ausgerechnet die langjährige Autorin der Leitlinie Müdigkeit): Das ist keine Geschichte des Niedergangs. Es gibt einen enormen Spirit bei den Jungen. Aber das System zwingt ins Hamsterrad und verbraucht Zeit und Energie durch Fehlanreize.

Ein Quereinsteiger aus Freiburg (früher Anästhesie und Notfallmedizin) legt nach: In der Klinik habe man oft mit teuren Medikamenten weiterbehandelt, wo eine palliative Begleitung das Richtige gewesen wäre. Genau das habe ihn aus dem Krankenhaus in das Fachgebiet Allgemeinmedizin getrieben.

Aber: Selbst die HZV im Mutterland der HZV belohne die Zahl der Behandelten, nicht das kluge Weglassen. 45 Minuten zuhören, Ängste nehmen, Kosten sparen, das bildet kein Abrechnungskatalog in der Republik ab.

JA: „Less is more“ mag wissenschaftlich populär sein, in das Vergütungssystem passt es noch nicht. Im aktuellen Setup ist „more is more“ schlicht die sichere Strategie. Mit anderen Worten: Das System bezahlt nicht für gute Entscheidungen. Und es geht selten um ein Haltungsproblem der Handelnden, sondern um ein Anreizproblem.

🩺 Die GU als Beziehungstool

Zur Episode über die Gesundheitsuntersuchung1 (Dank nach Bremen: nicht „Check-up“, Menschen sind keine Autos) gab es etliche Zuschriften. Eine Hörerin, pars pro toto, beschreibt die GU als Gelegenheit: Menschen einladen, die sonst nicht kommen, eine Beziehung für schwierigere Zeiten aufbauen, „die Menschen auch einfach mal berühren“.

Das ist eben die Crux: Die GU muss sich an den harten Outcomes messen lassen, auf die sie zielt (Morbidität und Mortalität bspw.), nur dafür ist die Evidenz eben schwach bis dünn. Die Evidenz für Kontinuität, Vertrauen und Beziehung ist schwerer messbar, aber für die ärztliche und pflegerische Versorgung das eigentlich Wertvolle.

Wird ein fragwürdiges Screening-Tool, die GU, im Umkehrschluss von den klugen Leuten also einfach nur „missbraucht“ für etwas Kluges? Naja: Es wird in sinnvolle Versorgung umgewandelt. Und es ist kein „fragwürdiges“, sondern ein „fragwürdig wirksames“ Tool.

Die schlichte Synthese: Beziehungsarbeit müsste besser incentiviert (finanziert) werden, statt über den Umweg eines nicht wirksamen Rituals.

Ein Anfang wäre ja mal ein Antrag im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), die GU künftig einfach in „Beziehungsarbeitsuntersuchung“ umzubenennen. Josef Hecken, ääh, Sonja Optendrenk, übernehmen Sie!

🧪 Vom „Laborbudget“ zum Laborbonus

Mea culpa: Einer von uns (wer, das wird nicht gespoilert, dafür muss man schon hören) hatte in der GU-Episode von einem „Laborbudget mit Regress-Gefahr“ gesprochen. Mehrere Hörerinnen und Hörer haben freundlich, aber bestimmt eingeordnet. Und sie haben alle Recht. Das ist natürlich Bullshit. Korrekt ist bekanntlich: Es gibt einen Wirtschaftlichkeitsbonus, wenn man beim Labor zurückhaltender ist als das Fachgruppenmittel, und (natürlich!) keinen Malus.

Eine Hörerin findet das System trotzdem problematisch, weil es ein Anreiz sein kann, selbst begründetes Labor zu unterlassen. Sie schreibt, sie gönne sich den entgangenen Bonus: Hauptsache, sie muss „nicht um jedes Krea und TSH vorm Angio-CT mit den radiologisch Tätigen feilschen, auf wessen Budget das geht“. Dieses Schwarze-Peter-Pingpong kennt jede Praxis.

Ja: Es ist ein deutsches Phänomen, die Kosten einer Leistung intensiver zu diskutieren als die Leistung selbst.

Aus Bremen kommt die Gegenrichtung: Eine Über-4.000-Schein-Praxis kassiert „fast immer“ rund 3.200 € Bonus pro Quartal, weil sie „überlegte Diagnostik“ betreibt.

Sein (wichtiger!) Hinweis: Das Labor wird aus der gedeckelten MGV bezahlt. Ergo: Wenn sehr viele sehr viel Labor machen, verkleinert das den Honorartopf für alle. Sein Vorgänger habe jahrelang 1.500 % über dem Fachgruppenschnitt gelegen (Vitamine, Spurenelemente auf Kassenkosten): „Einen Regress gab es nie, dafür teuren Rotwein vom Labor zu Weihnachten.“ Sein Fazit: Es brauche nicht weniger Zügel, sondern mehr.

Ein Dilemma: Die Laborsteuerung produziert beide Fehler, mal zu viel, mal zu wenig. Mehr Steuerung erzeugt nur neue Ausweichbewegungen.

Und wieder: Schlechte Anreizsysteme bringen vernünftige Menschen dazu, unvernünftige Dinge zu tun.

Der rote Faden der ganzen FKG-Staffel: Einzelnes Drehen an einzelnen Schrauben erzeugt Dysbalancen an anderer Stelle. (Kein Wunder, warum sich Politikerinnen und Politiker ungern an Gesundheitsreformen wagen.) Was es bräuchte, wäre eine Reform für mehr Indikationsqualität. Wo evidenzbasierte Indikation herrscht, passieren (Labor-)Exzesse gar nicht erst, oder wenigstens weniger als heute. Das aber verlangt eine andere Medizinkultur. Stattdessen regiert eine Industriekultur, die Aktivität bezahlt.

🥊 Nihilismus? Nein danke – mit Begeisterung

Ein Schwergewicht meldet sich zu Wort: Jürgen Windeler (ehem. IQWiG-Chef), ausnahmsweise namentlich zitiert, er verzeiht es uns hoffentlich. Sein Konter zu unserer Verteidigung gegen den „Nihilismus“-Vorwurf: Wer den Vorwurf ernst nimmt, „macht sich die Interpretation des Vorwerfenden zu eigen“. Der Begriff sei meist undifferenzierte Polemik. Und: Man könne mit Begeisterung Nihilist sein, wenn das heiße, Unnötiges zu unterlassen.

Spoiler: Wir stimmen zu!

Und er hat Recht. Aber: Lässt man den Vorwurf zu lange unwidersprochen, heißt es irgendwann „die machen ja gar nichts“. Dann frisst sich dieser Vorwurf, diese Erzählung fest. Nur stimmt sie eben nicht: Unterversorgung soll genauso vermieden werden wie Überversorgung. Das Nötige muss getan werden.

🫀 Organspende-Beratung: zwei Hüte, ein Strand

Den größten Block widmen wir der EBM-GOP 01480 zur Organspendeberatung in der Primärversorgung. Einer von uns hat nach einem denkwürdigen Strand-Gespräch mit einer Hörerin einen halben Samstag mit den (notorisch intransparenten) Zahlen des deutschen Transplantationswesens verbracht. Ergebnis: kein belegbarer Effekt der Ziffer auf die Spenderzahlen. Hier mal die Ergebnisse als Bild:

Aus versorgungswissenschaftlicher Sicht würde einer von uns auf die Frage, ob die hausärztliche Beratung die Zahl der Organspenden erhöht, antworten: Nein.

Und dann kommt der Hausarzt durch: Ein Gespräch über das Thema ist sehr wohl nützlich, wenn die Patientin es möchte. Es kann Lebensängste an die Oberfläche holen, Angehörige begleiten. Oder anders: Wie kann Gespräch je falsch sein?

Die Strand-Hörerin hält dagegen, sie brauche die Ziffer: „Sobald ich ein Incentive mit obligatem Inhalt habe, mache ich diesen Inhalt.“ In die Grundpauschale gepackt, ginge die Beratung im Alltag unter. Damit liegen vier Dinge auf dem Tisch: eine Ziffer, die in der Breite bislang keinen Nachweis erbracht hat, dass sie der Organspende etwas bringt; eine Kurzintervention, die im Einzelfall die dokumentierte Bereitschaft verbessert; die Frage, ob man für alles ein Einzel-Incentive braucht; und (mal wieder) die fehlende Evidenz, weil in Deutschland keine Evaluation aufgelegt wurde.

Wir meinen: Honorar raus aus der Einzelziffer, rein in eine ordentlich vergütete Gesprächsleistung, sonst entwertet man am Ende noch den Facharzt für Allgemeinmedizin, indem man für jede genuin hausärztliche Tätigkeit eine eigene Ziffer (samt Zwei-Jahres-Turnus) braucht.

🔬 Evidenz: Bringt die Beratung in der Praxis was?

RCT zum Effekt der ärztlichen Beratung in der Organspende sind rar, das Bild ist heterogen. Eine Auswahl:

  • Kann die Registrierung steigern (kleine QI-Daten). In einer kanadischen Qualitäts­verbesserungs­initiative (Toronto) erhöhte ein Infoblatt plus Registrierungsformular im Wartezimmer die Spender­registrierung von 10,0 % auf 28,3 % – allerdings winzige Fallzahlen, kein RCT.2

  • Hausarztpraxen sind ein machbarer Ort. Eine britische Machbarkeitsstudie spricht dafür, dass sich die Frage „Wollen Sie ins Register?“ in der Allgemeinpraxis grundsätzlich gut platzieren lässt.3

  • Der Reue-Trick geht nach hinten los. Im großen schottischen Reue-RCT (INORDAR-Protokoll4) sollte das bloße Nachdenken über antizipierte Reue die Registrierung erhöhen. Tatsächlich registrierten sich die Reue-Befragten seltener (4,51 %) als die Kontrollgruppe ganz ohne Fragebogen (6,39 %).5 Vermutete Erklärung: Die Frage primt negative Assoziationen: Wer von außen mit Reue konfrontiert wird, macht eher dicht. Sinngemäß: Jetzt erst recht nicht.

  • Ärztinnen reden meist nur auf Patienteninitiative. In einer Befragung in Nova Scotia (nicht Schottland, kleine Korrektur zum gesprochenen Wort) gaben rund drei Viertel der Hausärztinnen und Hausärzte an, das Thema nur dann anzusprechen, wenn die Patientin es selbst initiiert; zugleich hohe Zustimmung zur Widerspruchslösung.Das spricht eher gegen eine anlasslose Pflichtziffer im Turnus.6

Ja, ärztliche Kurzansprache kann die Zustimmungs- und Registrierungsraten heben, am ehesten, wenn der Anstoß von der Patientin kommt. Nein, die 01480 ist nicht der zentrale Hebel für mehr Organspende (wie es in manchen berufspolitischen Beschlüssen heißt). Die Organspende-Kette hat viele Glieder: Registrierung → Kenntnis der Angehörigen → Identifikation, Meldung, Klinikgespräch → Entnahme­organisation → Transport. Die Ziffer adressiert nur das erste. Das eigentliche Nadelöhr liegt in der Klinik.

Und weil Podcast-Aufzeichnungen manchmal überholt werden, bevor sie ausgestrahlt werden, hier eine wichtige Ergänzung: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), bei dem das Organspenderegister verwaltet wird, hat am Dienstag, 16. Juni, seinen Register-Jahresbericht vorgelegt.7 In der Tat geht daraus hervor, dass seit der Freischaltung der elektronischen Patientenakte (ePA), die Zahl der Registrierungen nicht nur um 192 % gestiegen ist. 73 % der Erklärungen im Register wurden letztes Jahr sogar über Krankenkassen-Apps abgegeben (über die GesundheitsID, gID).

0,5 Punkte für die Strandfreudin.

Zurückbleiben, bitte!

Literatur

1

Nößler D, Scherer M. Gesundheits-Check-up: Wenn er schon nichts bringt, nützt wenigstens das Ritual? EvidenzUpdate 2026;7(182). doi: 10.69156/pod.001/2026.05.00182

2

Natt N, Klar E, Cheung I, et al. Increasing Organ Donor Registration in a Primary Care Clinic. BMJ Qual Improv Rep 2017;6(1):u222401.w8341. doi: /10.1136/bmjquality.u222401.w8341

3

Jones CP, Papadopoulos C, Randhawa G, et al. ‘Would you like to join the NHS Organ Donor Register?’ A general practice feasibility study. Br J Gen Pract 2020;70(suppl 1):bjgp20X711137. doi: 10.3399/bjgp20x711137

4

O’Carroll RE, Ferguson E, Hayes PC, et al. Increasing organ donation via anticipated regret (INORDAR): protocol for a randomised controlled trial. BMC Public Heal 2012;12(1):169. doi: 10.1186/1471-2458-12-169

5

O’Carroll RE, Shepherd L, Hayes PC, et al. Anticipated Regret and Organ Donor Registration: A Randomized Controlled Trial. Heal Psychol 2016;35(11):1169–77. doi: 10.1037/hea0000363

6

Urquhart R, Kureshi N, Dirk J, et al. Family and emergency physicians’ knowledge and attitudes toward organ donation and deemed consent: Human Organ and Tissue Donation Act in Nova Scotia. Can Fam Physician 2024;70(1):e20–7. doi: 10.46747/cfp.7001e20

7

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Jahresbericht 2025: Register für Erklärungen zur Organ- und Gewebespende. 2026. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/BfArM/Organspenderegister/ogr_jahresbericht-2025.pdf?__blob=publicationFile

Diskussion über diese Episode

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?