Etwas Wasser für den Lipoprotein(a)-Wein – Evidenz-Quickie
30-Jahres-Daten aus der Women’s Health Study
Diesen Beitrag zitieren:
Nößler D. Etwas Wasser für den Lipoprotein(a)-Wein – Evidenz-Quickie. EvidenzUpdate 2026;7:10. https://doi.org/10.69156/QUICK/2026.01.00010
Moin im (nicht mehr ganz so) neuen Jahr 2026 und alles Gute, Gesundheit und eine Menge Evidenz dafür! Zeit für ein neues Quickie, das (versprochen!) nicht so lang wird wie das letzte.
Das Wichtige in Kürze: Just wurden 30-Jahres-Daten aus einer Kohortenstudie mit fast 30.000 initial gesunden US-Frauen veröffentlicht zu schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE) und dem Zusammenhang mit ihren Lipoprotein(a)-Spiegeln, das seit geraumer Zeit stark gehypte Lp(a). Es zeigt sich zwar ein steigendes MACE-Risiko mit steigenden Lp(a)-Werten ≥ 30 mg/dl (≈ 72 nmol/l).
Aber: Die absoluten Risikodifferenzen sind selbst bei sehr hohen Lp(a)-Werten klein. Bei ischämischem Schlaganfall ist der Zusammenhang nicht signifikant. Bei kardiovaskulärem Tod ist der Unterschied nur bei sehr hohen Werten messbar (≥ 120 mg/dl bzw. ≈ 288 nmol/l).
Ergo: Diese Daten stützen den zurückhaltenden Umgang mit Lp(a) und sprechen nicht für die routinemäßige Bestimmung bei Gesunden, eher bei positiver Familienanamnese; Lp(a) wird bekanntlich weitgehend genetisch beeinflusst.
Und die Daten liefern Anhaltspunkte für die Kommunikation absoluter Risiken.
Hier ist die Arbeit:1
Tipp: Das Faksimile ist mit einem „Gift-Link“ versehen für kostenfreien Zugriff auf das Paper!
Die Women’s Health Study
Die Studienkohorte wurde mit der Rekrutierung zwischen 1992 und 1995 vor über 30 Jahren gestartet und hat ursprünglich die Effekte von ASS (Aspirin etc.) und Vitamin E untersucht. Die wichtigsten Einschränkungen liegen in der Population: Es sind Frauen in den USA und zudem nur Gesundheitsberufe (Ärztinnen, Krankenschwestern etc.). Das heißt, bspw. für die männliche Bevölkerung kann aus dieser Kohorte wenig Aussagekraft generiert werden.
Die aktuelle Auswertung
Die vorliegende Kohortenauswertung hat die Studiengruppe Mitte der 2000er begonnen. Damals haben sie aus eingefrorenen Blutproben der Studienteilnehmerinnen die Lp(a)-Werte zu Studienbeginn bestimmt (Lp(a) gilt als recht stabil). Die Frauen, bei Rekrutierung mindestens 45 Jahre alt, waren initial allesamt gesund. Die erste Publikation zur Lp(a)-Untersuchung und 10-Jahres-Outcomes hatte die Studiengruppe 2006 veröffentlicht.2
Die Kohorte
Ausgewertet für die Analyse wurden die Daten von
27.748 gesunden Frauen,
davon 23.279 mit europäischen Vorfahren (Abstammung),
zu Baseline im Mittel 53 Jahre alt (IQR: 49–60),
ohne Vorerkrankungen,
mit medianem Follow-up von 27,8 Jahren (IQR: 22,8–29,4)
Adjustiert wurde über Alter, Blutdruck, Rauchen, Alkoholkonsum, Diabetes, Hormontherapie, LDL-C, hsCRP.
Primäre Endpunkte waren schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE-Komposit aus Infarkt, Revaskularisation, Insult, kardiovaskulärer Tod); sekundär wurden ausgewertet: KHK, Insult, kardiovaskulärer Tod.
Die Ereignisse wurden für klinische Lp(a)-Schwellenwerte und Perzentile aufgetragen:
< 10 mg/dl = < 48. Perzentil (n = 13.355)
10 – < 30 mg/dl = 48.–73. Perzentil (n = 7.054)
30 – < 60 mg/dl = 74.–87. Perzentil (n = 3.913)
60 – < 90 mg/dl = 88.–96. Perzentil (n = 2.374)
90 – < 120 mg/dl = 97.–97,99. Perzentil (n = 625)
≥ 120 mg/dl = ≥ 98. Perzentil (n = 427)
Auch nach dem mit höheren Spiegeln assoziierten Lp(a)-Polymorphismus rs3798220 hat die Studiengruppe gesucht, aber nur bei wenigen Probandinnen gefunden (n = 13), weswegen statistische Aussagen dazu nicht möglich sind.
Die Ergebnisse
Über das Follow-up ergab sich eine kumulative MACE-Inzidenz von 13,4 bzw. 13,6 % (3.707 MACE, 1.985 Infarkte/Revaskularisationen, 1.041 Insulte, 1.543 CV-Todesfälle).
Hübsch sind die Spline-Kurven in dem Paper (Figure 1 und 2), die allerdings nur relative Hazard-Ratios darstellen.
Erhellend sind die kumulativen Inzidenzen (Figure 3) und HR-Plots (Figure 4):
Das MACE-Risiko steigt über alle Lp(a)-Gruppen gleichförmig an; nach 30 Jahren unterscheidet es sich absolut um rund 8 % (ca. 13 vs. 21 %) zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Lp(a).
Beim ischämischen Schlaganfall unterscheiden sich die Lp(a)-Gruppen nicht signifikant, bis auf jene mit Lp(a) ≥ 120 mg/dl (ca. 7,6 %). Das deutet darauf hin, dass Lp(a) womöglich vor allem mit kardialen Risiken in Verbindung steht.
Beim kardiovaskulären Tod sind alle Lp(a)-Gruppen (bis auf die ≥ 120 mg/dl) nahezu identisch. Mit anderen Worten: Nur extrem hohe Lp(a)-Werte gehen mit einem größeren Sterberisiko (kardiovaskulärer Ursache) einher, ansonsten ist Lp(a) für den Tod irrelevant.
Interessant außerdem, dass sich in dieser Arbeit der Schwellenwert von > 30 mg/dl wiederfindet, den die europäische Atherosklerose-Gesellschaft (EAS) schon 2022 postuliert hat.3
Die ganzen Aber & Schwächen
Die Studiengruppe sieht für ihre Arbeit mehr Strengths als Limitations. Das ist aber nicht haltbar. Deshalb erstmal all die Schwächen:
Die Hypothese wurde post hoc nach der Datenerhebung formuliert, das nennt man HARKing (Hypothesizing After the Results Known) und das kann sogar zu Typ-1-Fehlern führen. Minuspunkt!
Weibliche Health-Professionals aus den USA: Die Ergebnisse müssen erst für andere Populationen bestätigt werden.
Cave: Diese Daten können nicht auf Männer umgelegt werden, da Lp(a) ab 50 Jahren in der Postmenopause erhöht ist gegenüber gleichaltrigen Männern.4
Beobachtend ≠ Kausalität und das Risiko für Residualkonfounding bleibt.
Nach wie vor haben (genetisch determinierte) hohe Lp(a)-Werte keine therapeutische Konsequenz.
Jetzt die Stärken:
Die Kohorte mit fast 30.000 Frauen ist sehr groß und in der Szene beachtet.
Der Follow-up von fast 30 Jahren ist wow. Pluspunkt.
Ob des Baseline-Alters konnten Frauen bis ins hohe Alter beobachtet werden, insbesondere auch postmenopausal.
Die Lp(a)-Werte wurden mittels Assays gleichzeitig erhoben, was Verzerrungen etwa im Labor nahezu ausschließt.
Die Studie ist öffentlich gefördert und ohne industriellen Einfluss.
Die Benefits der Arbeit
Sie liefert konkretere Hinweise auf absolute (kleine) Risiken bei Frauen.
Sie rückt Schlaganfall etwas aus dem Lp(a)-Scheinwerfer.
Sie zeigt, dass rund 75 % der Frauen Lp(a)-Spiegel < 30 mg/dl haben und dass diese Werte nicht mit erhöhten CV-Risiken einhergehen.
Selbst bei Werten bis < 60 mg/dl sind die absoluten Risiken absolut nur sehr gering erhöht.
Und last not least liefert diese Beobachtungsstudie zum richtigen Zeitpunkt einen wichtigen Schluck Wasser: Denn der Hype um Lipoprotein(a) dürfte auch 2026 weitergehen. Für viele Fachgebiete ist die Aussicht auf einen neuen Risikomarker einfach zu verlockend. Und für die pharmazeutische Industrie tut sich (auch angesichts des Longevity-Trends) ein großer Markt auf. Im Journal Nature Medicine wurde die Phase-3-Studie zu Novartis’ Pelacarsen (ein Antisense-Oligonukleotid) als eine von elf klinischen Studien genannt, „die die Medizin im Jahr 2026 prägen werden“.5 Gemeint ist die Studie Lp(a)HORIZON (NCT04023552), deren Abschluss für Ende Februar angekündigt ist.
Ahoi!
Literatur
Nordestgaard AT, Chasman DI, Moorthy V, et al. Thirty-Year Risk of Cardiovascular Disease Among Healthy Women According to Clinical Thresholds of Lipoprotein(a). JAMA Cardiol Published Online First: 7 January 2026. doi: https://doi.org/10.1001/jamacardio.2025.5043
Danik JS, Rifai N, Buring JE, et al. Lipoprotein(a), Measured With an Assay Independent of Apolipoprotein(a) Isoform Size, and Risk of Future Cardiovascular Events Among Initially Healthy Women. JAMA 2006;296(11):1363–70. doi: https://doi.org/10.1001/jama.296.11.1363
Kronenberg F, Mora S, Stroes ESG, et al. Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: a European Atherosclerosis Society consensus statement. Eur Hear J 2022;43(39):3925–46. doi: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehac361
Nordestgaard BG, Langsted A. Lipoprotein(a) and cardiovascular disease. Lancet 2024;404(10459):1255–64. doi: https://doi.org/10.1016/s0140-6736(24)01308-4
May M. Eleven clinical trials that will shape medicine in 2026. Nat Med 2025;31(12):3943–7. doi: https://doi.org/10.1038/s41591-025-04083-x



