Guten Morgen! Aus gegebenem Anlass erlauben wir uns ausnahmsweise, euch und Sie auf eine für die EbM relevante Entwicklung hinzuweisen: Die Cochrane Deutschland Stiftung hat gestern am späten Nachmittag mitgeteilt, dass die Förderung durch den Bund Ende nächsten Jahres auslaufen soll. Darüber berichten u.a. bereits die Süddeutsche Zeitung (danke für den Tipp, Thomas M.) und der Tagesspiegel Background (beide hinter der Paywall).
Kurz zusammengefasst, worum es geht (alle Quellen unten):
Das Bundesgesundheitsministerium beendet die institutionelle Förderung der Cochrane Deutschland Stiftung (CDS) in Freiburg, berichtet die Stiftung unter Bezug auf eine schriftliche Mitteilung des Ministeriums.
Laut Stiftung endet die Förderung Ende 2027. Formal läuft der Förderzeitraum laut Bundesregierung noch bis zum 25. Oktober 2027.
Laut SZ fiel die Entscheidung in den letzten Amtstagen der früheren Ministerin Nina Warken (heute Kanzleramtsministerin).
Im Regierungsentwurf für den Einzelplan 15 (BMG) sind für 2027 trotzdem noch 1,368 Mio. Euro für die Stiftung angesetzt, also der volle Jahresbetrag.
Woran hat’s gelegen:
Laut Stiftung hat das BMG veränderte Rahmenbedingungen und haushaltspolitische Vorgaben angegeben. Nicht nur die Krankenkassen, auch die Haushalte stehen bekanntlich unter Kostendruck.
Mit der Entscheidung ist laut SZ „keine Bewertung der erfolgreichen Arbeit“ verbunden.
Und nun:
Recherche und Verbreitung von Evidenz sollen demnach künftig „beim IQWiG“ gebündelt werden.
Im SZ-Beitrag wird das von Jörg Meerpohl, Wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung, Karin Balzer vom EbM-Netzwerk und Monika Lelgemann, bis 2024 unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), kritisiert. Auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) kritisiert die Entscheidung.
Die AWMF hat wohl insistiert bei Warkens Nachfolger im BMG Carsten Linnemann, die Förderung fortzusetzen. Die Stiftung sucht parallel neue Förderer.
Der Mammon:
Die Förderung ist im Kapitel 1504, Titel 685 02 des Einzelplans 15 des Bundeshaushalts geregelt.
2022 flossen 884.000 Euro, 2024 und 2025 jeweils 1,063 Mio. Euro.
Für 2026 sind 1,368 Mio. Euro angesetzt, im Entwurf für 2027 ebenfalls.
Der Bund trägt laut Haushaltsplan 97,16 Prozent der Finanzierung der Stiftung. Sie hängt bislang also fast vollständig an diesem Zuschuss.
Laut Jahresbericht von 2024 arbeiteten für das Zentrum damals 15 Personen (derzeit sind es laut Website 17). Die Personalkosten lagen bei 838.100 Euro, die Sachkosten betrugen 274.000 Euro.
Im Gesundheitsetat ist das ein kleiner Posten. Für alle durch das BMG institutionell geförderten Forschungseinrichtungen zusammen gab der Bund 2023 57,4 Mio. Euro aus. Das sind die Stiftung, fünf Leibniz-Institute und das Georg-Speyer-Haus.
Die Vorgeschichte:
Von 2005 bis 2015 bekam das Deutsche Cochrane Zentrum nur befristete Projektmittel des BMG, für den damaligen Zeitraum in toto knapp zwei Mio. Euro. Der damalige Cochrane-Direktor Gerd Antes beklagte das damals als „wackelige Finanzierung“, durch die das Zentrum „extrem verwundbar“ sei.
2015 schloss die Bundesregierung noch eine institutionelle Förderung aus, weil die Haushaltsvorgaben keine zusätzlichen Zuwendungsempfänger zuließen, hieß es damals in einer Regierungsantwort. Sie räumte aber ein, dass die Fluktuation durch Projektförderung die Arbeit von Cochrane Deutschland beeinträchtigen kann.
2017 dann die Wende: Am 26. Oktober wurde die Stiftung gegründet, danach startete das BMG unter Hermann Gröhe die institutionelle Förderung (die er am 21. September 2016 bereits angekündigt hatte), zunächst „bis zu einer Million Euro“ im Jahr. Gröhe sagte damals, der Bund könne Cochrane „endlich nachhaltig fördern“.
Ein wenig Einordnung:
Die offenbar jetzt angedachte „Bündelung“ von EbM-Themen beim IQWiG hatte schon 2014 ein Prognos-Gutachten im Auftrag des BMG geprüft.
Die Autoren sahen damals aber einen Rollenkonflikt: Dieselbe Institution würde Review-Autoren ausbilden und deren Ergebnisse später für Nutzenbewertungen nutzen. Das IQWiG würde „bestimmend in allen Phasen der EbM“.
Weitere Nachteile laut Gutachten: Die Nähe zur Klinik ginge verloren, zumal das IQWiG kein Promotionsrecht hat, anders als ein universitäres Institut.
Empfohlen hatte Prognos seinerzeit die Anbindung an eine Universität oder ein außeruniversitäres Forschungsinstitut. So war und wurde es dann ja auch.
2015 noch sah auch die Bundesregierung Cochrane als Zulieferer, nicht als Ersatz: Es könne „vor allem für die Arbeit des IQWIG wichtige Grundlagen liefern“.
Wir bleiben dran!
Literatur
Cochrane Deutschland Stiftung. Jahresbericht 2024. Freiburg: Cochrane Deutschland Stiftung 2025. https://www.cochrane.de/sites/cochrane.de/files/uploads/jahresbericht_2024.pdf
Deutscher Bundestag. Stiftungslösung für Cochrane-Finanzierung. Deutscher Bundestag – hib heute im bundestag. 2016. https://www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/201609/454638-454638 (accessed 29 Sept 2026).
Bundesministerium der Finanzen. Entwurf zum Bundeshaushaltsplan 2027. Einzelplan 15: Bundesministerium für Gesundheit. Berlin: Bundesministerium der Finanzen 2026. https://www.bundeshaushalt.de/static/daten/2027/soll/draft/epl15.pdf
Bundesministerium der Finanzen. Bundeshaushaltsplan 2026. Einzelplan 15: Bundesministerium für Gesundheit. Berlin: Bundesministerium der Finanzen 2025. https://www.bundeshaushalt.de/static/daten/2026/soll/epl15.pdf
Bundesministerium der Finanzen. Entwurf zum Bundeshaushaltsplan 2026. Einzelplan 15: Bundesministerium für Gesundheit. Berlin: Bundesministerium der Finanzen 2025. https://www.bundeshaushalt.de/static/daten/2026/soll/draft/epl15.pdf
BMG will die Förderung der Cochrane Deutschland Stiftung nicht verlängern. Tagesspiegel Backgr Gesundh E-Health Published Online First: 29 September 2026. https://background.tagesspiegel.de/gesundheit-und-e-health/briefing/bmg-will-die-foerderung-der-cochrane-deutschland-stiftung-nicht-verlaengern (accessed 29 Sept 2026).
Bundesrechnungshof. Bericht an den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages: Information über die Entwicklung des Einzelplans 15 (Bundesministerium für Gesundheit) für die Beratungen zum Bundeshaushalt 2025. Bonn: Bundesrechnungshof 2024. https://www.gemeingut.org/wordpress/wp-content/uploads/2024/09/2024-09_BRH-Bericht-%C2%A7-88-Absatz-2-BHO-zum-Bundeshaushalt-2025-Entwicklung-Epl.-15.pdf
Bundesregierung. Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen (Nachfrage zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 20/7884). Berlin: Deutscher Bundestag 2023. https://dserver.bundestag.de/btd/20/088/2008838.pdf
Bundesregierung. Bedeutung und künftige Finanzierung des Deutschen Cochrane-Zentrums. Berlin: Deutscher Bundestag 2015. https://dserver.bundestag.de/btd/18/057/1805756.pdf
Stadler R. Streichung mit Nebenwirkungen. Süddeutsche Zeitung. 29.09.2026;(224):5. https://www.sueddeutsche.de/politik/warken-ausstieg-foerderung-cochrane-evidenzbasiert-medizin-li.3553545
Bundesministerium für Gesundheit. Gröhe: „Unabhängige Forschung für verlässliche Gesundheitsinformationen“ – BMG startet institutionelle Förderung der Cochrane Deutschland Stiftung. 2017.
prognos. Abschlussbericht: Gutachten zum Deutschen Cochrane Zentrum. Düsseldorf: Bundesministerium für Gesundheit 2014. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen/details/gutachten-zum-deutschen-cochrane-zentrum (accessed 28 Sept 2026).
Cochrane Deutschland. Bundesförderung läuft aus: Zukunft der Cochrane Deutschland Stiftung ist ungewiss. Informationsdienst Wissenschaft. 2026. https://nachrichten.idw-online.de/2026/09/28/bundesfoerderung-laeuft-aus-zukunft-der-cochrane-deutschland-stiftung-ist-ungewiss (accessed 28 Sept 2026).


